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23.09.14 08:41 Alter: 3 yrs
Von: Rainer Trepke

„Belchen satt“ Superrandonée – eine Dimensionsverschiebung


Eine Reise ins „ich“, die Prüfung und Festigung einer Freundschaft sowie eine Fahrt durch beeindruckende Landschaften mit einer der genialsten Erfindung der Menschheit dem (Renn-) Velo - das sollte es werden.

Die Teilnehmer: D.M.,d.a.h. (Der Mann, der alles hat) und D.M.,d.w.b. (Der Mann, der weniger braucht).

Der Plan: ausgeheckt und mehrfach selbst erprobt vom Breisgauer Brevet-Organisationsteam.

Am Tag vor dem geplanten Start hat es noch einmal ausdauernd geregnet, so dass die Wolken während der Tour leer sein sollten. So sagte es auch der Wetterbericht voraus.

Eine halbe Stunde vor der selbst festgelegten Startzeit saßen die beiden im McCafé am Freiburger Martinstor und genossen den letzten guten Kaffee, einen süßen Kullerkeks sowie eine ordentliche Toilette.

Ein Foto der Martinstor-Turmuhr zum Nachweis der Startzeit und es ging los. Schnurgerade heraus aus der schönen Stadt mit seinem beeindruckenden Münster, den vielen Cafés und Geschäften und den Unmengen an Touristen.

Nach 18km wurde auf dem Schauinsland das zweite Kontrollfoto gemacht. D.M.,d.a.h. hatte die erste Steigung zügig in Angriff genommen und D.M.,d.w.b. dachte „langsam, langsam Junge, da kommt doch noch einiges“.

Erst einmal kam eine knackige Abfahrt in ein schönes Tal – zum Testen der Bremsen und des GPS-Empfanges. Die Bremsen waren i.O., der Empfang setzte weiter unten im Tal aus. Aber D.M.,d.a.h. hatte natürlich das Roadbook auf der Lenkertasche, so dass das richtige Abbiegen im Talgrund fehlerfrei erfolgten konnte.

Als Nächstes erfolgte der Aufstieg zum deutschen Belchen – lang und anstrengend. Aber die Fahrer waren noch frisch. Kontrollfoto, Wasserflaschen gefüllt und ab in die nächste rasante Abfahrt.

Der Aufstieg zum Tiergrüble (Kontrollfoto) erfolgte über eine wunderschöne einsame Straße durch einen zauberhaften Märchenwald. Hier zwischen Moos, Farnen und Steinen muss irgendwo der „Randonneursgeist“ wohnen. Einige Rennradfahrer überholten – Austausch netter Grüße. Die beiden ließen sie ziehen. Ihr Motto für diese Tour lautete „Respekt – Demut - Kräfte einteilen“.

Nun folgte eine längere Etappe zur Bahnhofsuhr in Läufelfingen (Kontrollfoto). Zwischendurch wurde eine Speisenpause in Laufenburg in einem netten Café mit Blick auf den Rhein und die interessanten Häuser am anderen Ufer gemacht.

Überquerung der Rheinbrücke in die Schweiz. Direkt nach dem Bahnhof Läufelfingen wurde es erstmals richtig steil. Ist Absteigen eine Schande? Auf einer solchen Tour sicher nicht. Man erreichte den Chilchzimmersattel mit seinen Panzersperren aus dem Ersten Weltkrieg (Kontrollfoto). Hier wurde eine erste Zwischenbilanz gezogen: gute zwei Sella-Runden bis jetzt. Die zwei waren etwa zehn Stunden unterwegs.

Auf dem nächsten Bild sehen wir D.M.,d.a.h. bei seiner Ankunft am Chilchzimmersattel in Denkerpose bei Überlegungen zu der Frage „Was ist wohl der Sinn des Ganzen?“

Außerdem trafen sie hier einen netten Schweizer Rennradfahrer mit dem man einige Zeit plauderte und der die bis hierher erbrachte Leistung gebührend würdigte sowie schon mal vor dem nächsten Aufstieg zum Weissenstein warnte.

Die Auffahrt zum Weissenstein erfolgte dann zum Glück von der moderaten Seite. Aber auch hier ließen die Fahrer eine Menge Schweiß. Auf dem Gipfel befindet sich ein großes altes und sehr schönes Kurhaus (Kontrollfoto). Hier bekamen sie, obwohl schon geschlossen war, noch zwei Radler. Ein sympathischer geschäftstüchtiger junger Mann sah ihnen wohl an, dass sie zu seinem Angebot zwei Betten und eine Dusche zu bekommen nicht nein sagen würden. Man hatte zwar gar nicht vor hier zu schlafen, aber der junge Mann war so nett und die beiden auch schon ziemlich fertig, so dass sie nicht nein sagen konnten. Zumal D.M.,d.a.h. natürlich die notwendigen Schweizer Franken in genau der passenden Menge zufällig dabei hatte. Und die Velos sollten selbstverständlich mit auf das Zimmer genommen werden. Also warm duschen und nackt in die frischen Betten – super. Die beiden ruhten drei Stunden aus, denn richtig geschlafen haben sie wohl nicht. Ihre Körper befanden sich die ganze Zeit im Kampfmodus. Nach dem Aufstehen gegen 02:00 Uhr dann noch eine nette Überraschung vor der Zimmertür:

In der nun folgenden Abfahrt in tiefer dunkler Nacht wurden die Bremsen und die für den Bremsvorgang notwendigen Muskeln bis auf das Äußerste getestet. Die Körper waren noch kalt, so dass sich bei D.M.,d.w.b. Schwächeerscheinungen in den Händen und den Unterarmmuskeln zeigten. Er stellte sich die Frage „wie lange kann ich die Bremsgriffe noch so kräftig betätigen?“ Aber der pure Überlebenswille setzte ungeahnte Kräfte frei. Andererseits waren sie froh, dass sie die Auffahrt nicht von dieser Seite machen mussten.

Nun folgte ein längerer Abschnitt Richtung Chasseral, dem höchsten Punkt der Tour. Dieser Aufstieg begann in dunkler Nacht, ging durch die Morgendämmerung bei Überschreitung der Baumgrenze und endete mit einem wunderbaren Sonnenaufgang auf dem Gipfel mit Blick auf die schneebedeckten Alpenkette. Und die beiden waren hier fast die einzigen Menschen, nur ein früher Wanderer war unterwegs. Leider wehte ein eisiger Wind und die Temperatur lag nur bei drei bis vier Grad Celsius. Also: Kontrollfoto und weiter in die nächste kalte Abfahrt. Die Körper der beiden Fahrer zitterten so, dass sich die Räder zeitweise richtig aufschaukelten, wie man unten gemeinsam feststellte.

Im nun folgenden kurzen flachen Abschnitt fanden sie ein Hotel, wo sie sehr schön frühstücken konnten. Die Räder durften selbstverständlich in den Vorraum gestellt werden. Die Schweizer sind schon nett – und geschäftstüchtig. Und die beiden waren dankbar.

Nach dem Anstieg auf den Mont Soleil stand die Abfahrt, nein, der „Absturz“ in die Schlucht des Doubs an. Abenteuerlich zu fahren, wahnsinnig schön, beeindruckend... .

Das Wetter war sehr gut. Unten angekommen überquerten sie den Doubs auf einer für Fahrzeuge gesperrten alten Brücke (Kontrollfoto). Absperrgitter mussten überklettert werden. Dies ging aber problemlos. Und nun folgte der schon fast legendäre „Weg aus dem Loch“ - sehr steil, schlechter Belag, abschnittsweise schieben. Nun ja, was soll´s. Die Straße war ruhig – Einsamkeit. Der Col de la Vierge wurde schwitzend erreicht.

Es folgte ein längere Überführungsstrecke über einige Zwischenanstiege in die Vogesen. In dem schönen Ort St. Hippolyte gönnten sie sich ein Mittagessen auf dem Marktplatz bei strahlendem Sonnenschein und sommerlichen Temperaturen. Konnten sie sich diesen Luxus zeitlich leisten? Vor ihnen lagen noch sechs Anstiege – jeder für sich eine Herausforderung für Rennradfahrer. Ach was soll´s, in der Ruhe liegt die Kraft.

Selbstverständlich war auf jedem Ballon ein Kontrollfoto zu machen.

Als erstes der Ballon de Servance. Wie sich herausstellte aber nicht über die als Radtour ausgeschilderte und sicher moderat ansteigende breite Straße sondern über eine „Diretissima“ unten aus dem Ort Belmont. Diese Straße war nicht nur sehr steil sondern auch teilweise in einem äußerst schlechten Zustand. Selbst das Schieben des Rades fiel hier ziemlich schwer.

Der folgende Ballon d´Alsace war dann auf einer gut asphaltierten Straße die wahre Erholung.

Auf der rasanten Abfahrt haben sich die beiden Teilnehmer der Tour dann wirklich mal verloren (D.M.,d.w.b. verpasste in rasanter Abfahrt einen Abzweig). Aber dank mitgeführter mobiler Fernsprechapparate fanden sie schnell wieder zueinander.

Dann stand der Col du Page an. Steil, aber alles gut zu fahren. Die Strahlen der Stirnlampen brachen sich in vielen Augenpaaren der Jäger der Nacht – Wiesel und Co.. Käuzchenrufe. Auf der Passhöhe gönnten sie sich in einer Schutzhütte eine Stunde „Schlaf“. D.M.,d.a.h. packte aus: Liegematte, Biwaksack, Schlafsack, Daunenjacke... . D.M.,d.w.b. begnügte sich mit einem dünnen Biwaksack. Aber länger als eine Stunde wollten sie ja ohnehin nicht ruhen.

Nun war der König der Ballons, der Grand Ballon, dran. Lange Auffahrt. Es wurde kälter, neblig, nebliger, greifbare Nässe in der Luft – die Straße und die Umgebung wurden nahezu unsichtbar. Surrealismus. Sie hielten sich an die weißen Striche in der Straßenmitte. Andere Menschen gab es auf diesem Planeten ohnehin schon lange nicht mehr. Selbst oben und unten waren kaum zu unterscheiden. Kurz vor dem Gipfel bogen sie dann an einer T-Kreuzung falsch ab. Aber da sie jetzt bremsen statt treten mussten stellten sie sehr schnell fest, dass es hier nicht zum Gipfel herauf gehen kann. Also umgedreht und weiter hoch. Auf der Straße Schriftzüge von früheren Frankreichrundfahrten. D.M.,d.w.b. meinte sogar „ULLE“ zu lesen. Oder war das nur eine Halluzination?

Das Kontrollfoto am Gipfelschild zeigt gut die beschriebene Stimmung:

Dann wieder eine lange und abenteuerliche Abfahrt, zu Beginn aufgrund der Nässe in der Luft mit deutlich verminderter Bremswirkung. Aber das wurde schnell wieder besser.

Jetzt kam der Petit Ballon an die Reihe. Dieser Anstieg war gut zu fahren – moderate Steigungsprozente ohne nennenswerte Rhythmuswechsel. Sehr angenehm.

Aufgrund einiger Gegenanstiege war die Abfahrt dann fast unangenehm. Das Vernichten der Höhenmeter wollte nicht so flüssig vonstatten gehen wie gewohnt. Es „rollte“ nicht so richtig.

Und jetzt kam er, der ersehnte, der endgültig letzte Pass dieser Reise – der Col du Firstplan. Auch dieser war gut zu fahren. Gipfelglück? Sollte es das nun endlich gewesen sein? Na ja, eine mit einem Gegenanstieg gewürzte letzte Abfahrt und sie waren ´raus aus den Bergen und erreichten die Rheinebene. Der Rest sollte ein Klacks sein. Oder doch nicht?

Es waren dann doch noch etwa sechzig bis siebzig sehr zähe Kilometer mit ordentlich Gegenwind durch Dörfer und Felder. Jeder von den beiden hatte noch eine halbe Flasche Wasser und fast nichts im Magen. Aber sie wollten doch endlich Freiburg und damit das Ziel erreichen... .

Hier konnte D.M.,d.a.h. dann D.M.,d.w.b. mit einem Coffein-Booster-Gel vor dem drohenden Randonneurstot retten. Aber selbst das reichte nicht ganz. D.M.,d.w.b. musste eine Tankstelle zum Wasserfassen ansteuern. Und ein Eis am Stiel kühlte den überhitzten Motor.

Eine vollkommen ungewohntes Fahrweise wurde gefordert: Unterlenkerhaltung, fahren im Windschatten, Führungswechsel – das waren fast schon vergessene Spielarten aus einem fernen Radlerleben in den Ebenen der norddeutschen Heimat.

Sie überquerten in Breisach den Rhein und somit die Grenze von Frankreich nach Deutschland. Auf schönen Radwegen, zum Schluss entlang der Dreisam, ging es hinein nach Freiburg. Ein letzter Abzweig, dann über eine Brücke und die beiden standen wieder am Martinstor (Zielfotos von Uhr und Rad).

Zwei Freunde fallen sich um den Hals. Das Zeitlimit blieb unterschritten – sie hatten es wirklich geschafft.

(v.l.n.r.: D.M.,d.w.b., D.M.,d.a.h.)

Es folgten umgehend zwei große Teller Spaghetti sowie zwei große isotonische Getränke. Mann, hat das gemundet.

Verdursten kann man aufgrund der vielen Dorfbrunnen und des ständig plätschernden Wassers am Wegesrand auf dieser Tour sicher nicht. Vor jedem längeren Anstieg haben sie ihre Wasservorräte aufgefüllt. Die „Messerspitze“ Kochsalz pro Trinkflasche wurde natürlich auch nicht vergessen.

Die Essensversorgung ist schon etwas schwieriger. Da die Strecke hauptsächlich über einsame Straßen führt sind Geschäfte eher selten zu finden. In dem einen Dorfladen, den sie offen vorfanden war das Angebot, vorsichtig ausgedrückt, „sibirisch“. Offene Gaststätten wurden, wo es passte, genutzt. Ansonsten ernährten sie sich von in ausreichender Menge mitgeführten Riegeln und Gels.

Von einer zeitweise hakenden Schaltung bei D.M.,d.a.h. (später stellte sich ein ausgefranster Schaltzug als Ursache heraus) kamen sie ohne Panne durch.

Und: sie blieben trocken.

Was bleibt?

Ein ziemlich irritierter Nerv im rechten Daumen vom vielen und kräftigen Bremsen in oberer Bremsgriffhaltung bei D.M.,d.w.b.. Ein gepelltes Sitzfleisch bei D.M.,d.a.h.. Beides verschwindet nach einiger Zeit.

Eine gefestigte Freundschaft. Die bleibt.

Und einige Buchstaben mehr in dem Wort „Deeeeeeee...muuuuu...t“. Die bleiben hoffentlich auch.

„Kreativität fängt da an, wo der Verstand aufhört das Denken zu behindern."

Mit diesem Aphorismus bedanken sich die beiden Fahrer sehr herzlich beim Breisgauer Brevet-Organisationsteam.

Der Mann, der weniger braucht (rainer trepke, Radteam Cöpenick)