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28.10.15 10:01 Alter: 2 yrs
Von: Rolf Egetemeyer

Belchen satt - Vol. 2


Freiburg-bewölkt 16°C Freitagmittag 11:30,pünktlich zu meinem Start fängt es an zu regnen , aber egal ich registriere das gar nicht richtig, bin viel zu aufgeregt ob der kommenden Stunden/Tage.

Das Tempo bleibt moderat da mein rechtes Knie seit dem 1000er in Nordbayern im Juni, den ich ja deshalb abbrechen mußte , noch immer rumzickt. Mein gewähltes Crossbike hat mit der 26/32 Untersetzung aber genügend Reserven um gelenkschonend zu pedalieren.

Auf dem Schauinsland (10°C) angekommen lässt der Regen allmählich nach, schnell das Foto gemacht und weiter. Bei der nun anstehenden Abfahrt machen sich die Scheibenbremsen gleich mal sehr positiv bemerkbar und sind auch im weiteren Verlauf der Runde auf den Teils brachial steilen Rampen für die Sicherheit sehr förderlich.

Bei mäßiger Steigung geht’s zum Belchenhaus, trotz der grandiosen Aussicht bleibt auch hier der Aufenthalt auf das obligatorische Foto beschränkt .Weiter zum nächsten Hochpunkt. Die Straße zum Tiergrüble ist für mich ein Highlight das allerdings hart erarbeitet werden will. Auf der Passhöhe sind gerade mal gute 60 Kilometer geschafft, ich fühle mich wie nach 200.

In einer Tankstelle in Todtmoos fülle ich erst mal die Wasserflaschen auf und unterhalte mich nett mit der Kassiererin.

Noch ein kleiner „Stich“ hoch und es geht ab Richtung Schweiz. Die Strecke von Laufenburg bis zum Chilchzimmersattel war für mich einer der schwierigsten und energiefressendsten Abschnitte. Auch aufgrund der sehr aggressiv fahrenden schweizer Blechkistentreibern (Motto: Hier fährt der Henker noch selber).

Auf dem Sattel angekommen, es war schon stockdunkel und sehr stürmisch (5°C), wechsle ich unter diesen erschwerten Bedingungen die Streckenbeschreibung in der Lenkertasche, die´s mir natürlich aus der Hand reißt und wegweht. Ich in der Dunkelheit hinterher, mit Erfolg. Danach ist´s mir arschkalt, die anschließende Abfahrt machte es auch nicht besser. In Balsthal kann ich keinen klaren Gedanken mehr fassen, der ganze Körper zittert unkontrolliert. Da kommt die Dönerbude gerade recht ( 1Döner,1 Getränk= 13 Sfr.).Eine halbe Stunde aufwärmen genügen um die Radgeister wieder zu wecken und ich mache mich auf den Weg zum Weißenstein. Die Auffahrt führt mich über die „harmlosere“ Seite nach Oben. Zählt der Weißenstein doch zu den steilsten Bergstraßen der Schweiz.

Aber auch hier muss ich ganz schön kämpfen. Im oberen Drittel lege ich eine schöpferische Pause ein halte an einer steilen Rampe an und sinke einfach kurz mit dem Kopf über den Lenker. In diesem Augenblich kommt ein Auto von hinten, hält neben mir an, die Scheibe fährt nach unten ,der Fahrer fragt im breiten schweizer Slang: „Salü, hosch no reserva, s goat no a wyl noch obba“.Ich versichere, daß alles in Ordnung ist und die Beiden brausen davon.

Auch diese Steigung hat irgendwann ein Ende. Es ist kurz vor 2 Uhr Temperatur 5°C , Foto, weiter. Nächster Kandidat-Le Chasseral.

Auf dem Weg dorthin merke ich, dass die körpereigenen Energiespeicher ziemlich geleert sind. Die Lenker- und Packtasche enthalten aber auch nix gescheites mehr, also dann eben mit Riegel und Gel gemütlich weitertreten. Das wird eine richtig zähe Angelegenheit. Als ich endlich am Chasseral-Sendeturm stehe ist es schon 8:00 Uhr und immer noch 5°C. Der Sonnenaufgang zwischen Wolkenfetzen ist aber wunderschön.

Die Temperatur und der schneidende Wind lassen mich aber schnell den Rückzug antreten. Unten in St.Imier gibt es zwei Prioritäten-Wärme und Essen. Beides finde ich in einer Boulangerie. Die freundliche Dame hinter dem Tresen erkennt meinen desolaten Zustand sofort und besorgt kurzerhand einen kleinen Tisch und Barhocker. So kann ich mich mit heißem Kaffee und Pflaumenquiche gut auf die noch bevorstehenden Herausforderungen vorbereiten.

Nur ungern verlasse ich diesen gemütlichen Ort, aber das Zeitlimit hängt mir ein wenig im Nacken. Ich nehme mir vor die ganze Runde mal in der Touristenversion zu fahren, denn eigentlich ist sie viel zu schade um nur einfach so vorbei zu hetzen.

Nach dieser elementaren Stärkung ist der Mont Soleil schnell erklommen und Frankreich rückt langsam näher. Die Doubs-Schlucht die die Grenze bildet ist wirklich der Hammer, steil runter und auf französischer Seite noch steiler wieder rauf. Noch dazu schüttet es jetzt auch wie aus Kübeln. Auf dem Col de la Vierge beruhigt sich das Wetter langsam und die Sonne kommt sogar ein wenig zum Vorschein. Es wird Zeit dem Körper ein paar Minuten Ruhe zu gönnen, um Kraft zu tanken für die nächsten Kapriolen. Eine sonnige Bank bietet sich an. Nach kurzem Schlaf setze ich meine Reise fort. Es dauert nicht lange da baut sich genau in meiner Fahrtrichtung eine unglaublich schwarze Wand bedrohlich auf. Weiterfahren? Unterstehen? Die ersten dicken Tropfen fallen schon. Ein Buswartehäuschen an der Straße nimmt mir die Entscheidung ab. Ich bin noch nicht vom Rad, da fängt es an zu Hageln in einer Intensität die ich noch selten erlebt habe. Also heißt es warten. Nach 30 Minuten ist der Spuk vorbei.

In Lure suche ich nach einer Pizzeria, aber am späten Nachmittag hat noch nichts geöffnet. Also decke ich mich in einem Supermarkt mit Birnenkuchen schon mal für die Nacht ein. Kaum aus dem Ort heraus fängt es wieder an zu schütten. Jetzt nur keine Pause machen. Nächster Halt-Ballon de Servance. Der Aufstieg fällt mir dieses mal deutlich leichter als bei meiner Erstbefahrung. Der Gipfel ist bald erreicht und die Dunkelheit hüllt mich ein. Wenigstens hat der Regen ein Einsehen und lässt sich bis Freiburg nicht mehr blicken.

Jetzt wird’s Zeit ein bisschen Strecke zu machen, also weiter zum Ballon d´Alsace. Mit Geduld stehe ich gegen 00:30 am Tour de France-Denkmal. Das momentane Leistungshoch will ausgenutzt werden, Abfahrt-Yeaha. Kurz vor dem Aufstieg zum Col du Page verweigert die Schaltung ihren Dienst und verlangt meine ungeteilte Aufmerksamkeit. Das Problem ist schnell erledigt, weiter geht´s durch die Nacht. Oben am Militärdenkmal angekommen ist die Temperatur auf unter 5°C gesunken. Zusammen mit dichtem Nebel eine unangenehme Mischung. Der starke Schlafmangel tut ein Übriges. Ich sehe im wahrsten Sinne des Wortes Geister, rolle langsam in´s Tal. Ich muss dringend schlafen. Einen warmen Unterschlupf aufzutreiben ist gar nicht so einfach, da sich die meisten Geldautomaten unter freiem Himmel befinden. Endlich nach langem Suchen finde ich ein winziges Räumchen in das ich mit dem Rad gerade eben so rein passe. Nach 46 Stunden auf den Beinen schläft der Körper schon bevor er den Boden erreicht.

Nach 60 Minuten Pause ruft der nächste Ballon. Die Kombination von kräftiger nicht enden wollender Steigung und miserablem Straßenbelag bringt mich an meine Grenzen. Auf Gott und die Welt fluchend kurble ich nach oben. Was soll ich sagen, Wut ist auch ein Antrieb. Unbemerkt ist es auch wieder hell geworden, gleiches passiert mit meiner Stimmung als das obligatorische Foto auf der Passhöhe gemacht ist. Auf zum nächsten, dem kleinen Ballon. In letzter Zeit war ich ein wenig nachlässig mit dem Füllen meiner Wasserflaschen, das rächt sich jetzt, sie sind nämlich beide leer. Und kein Brunnen weit und breit. Die Zunge hängt schon auf dem Boden als weiter oben an der Auffahrt zum Petit Ballon ein Jugendcamp auftaucht. Ich rolle hinein und bitte den „Chef“ um Wasser. Nach der Beantwortung des „Woher und Wohin“ kann ich mit vollen Wasserspeichern und neuer Energie weiterziehen. Als ich den Petit Ballon erreiche, genieße ich die Aussicht und weiß, daß ich es wohl rechtzeitig nach Freiburg schaffen werde. Ein sehr gutes Gefühl macht sich breit. Aber langsam, noch ist es nicht geschafft.

Der Firstplan ist in meiner Erinnerung eine kleine Erhebung, ohne Probleme. Jetzt zieht sich dieser Hügel wie Kaugummi nach oben und meine vierrädrigen Freunde ärgern mich noch zusätzlich. Aber auch das hat mal ein Ende. Bald sehe ich Rebstöcke und die Rheinebene breitet sich unter mir aus. Die Sonne gibt ebenfalls alles. Nur der Wind will mich nicht ziehen lassen und macht mir das Leben bis zum Schluß schwer. Ich hab auch keine Lust mehr mit ihm zu kämpfen. Noch die letzten Kilometer durch Freiburg, ein paar Ecken hier eine Ampel da, dann stehe ich wieder vor dem Martinstor ,an dem ich vor 51:40 Stunden gestartet bin.

Fazit:

Nach meinem ersten BelchenSatt stand für mich fest, dieses DING werde ich nicht noch einmal fahren. Jetzt sage ich: Das nächste Mal kann kommen !!!! Ich freue mich.