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21.05.11 00:05 Alter: 7 yrs
Von: Christoph Molz

Big Penn


Ein bunter Lindwurm von knapp 100 Randonneuren wälzt sich durch Freiburg. Dieses Mal bin ich von Kirchzarten aus losgefahren und habe Christina, die sich kurzfristig, nachdem der 400er so gut verlaufen war, entschlossen hatte, mitzufahren, zu Hause abgeholt. Ich war die Strecke im Vorjahr alleine abgefahren, da ich beim damaligen Termin verhindert war, am heissesten Wochenende  im Sommer 2010: tagsüber meistens deutlich über 30 Grad. Ich hatte auf der Strecke insgesamt ca. 30 Liter Flüssigkeit zu mir genommen! Auch heute ist das Wetter zunächst schön. Das soll sich aber im Laufe des Tages ändern.
Es geht „im geschlossenen Verband“  über St. Georgen und den Autobahnzubringer nach Tiengen, danach über verschlafene Rheintaldörfer bis nach Neuenburg, wo wir die Grenze nach Frankreich überfahren. Wir werden noch fünf mal zu Grenzgängern werden. Vom Grenzort Chalampe aus geht es nach Süden in Richtung burgundische Pforte, eingerahmt rechts vom Schwarzwald und links von den Vogesen. Die  burgundische Pforte ist eine breite Niederung zwischen dem Jura und den Vogesen, welcher der äußerste Südwesten Deutschlands sein mildes Klima verdankt: durch sie strömt vom Südwesten her mediterrane Luft aus dem Rhonetal. Wir haben hier ein ideales Revier für Ausdauersport: Das Thermometer fällt im Rheintal auch im Winter selten unter null Grad, und ab Februar kann man schon ausgedehnte Radtouren unternehmen. Oder man schnallt sich die Langlaufski an und trainiert im Schwarzwald auf den zahlreichen Loipen.
Nach ca. 70 km wird das Terrain hügelig, und die ca. 30 Mann starke Gruppe wird langsam kleiner. Zu zehnt erreichen wir die erste Kontrollstelle Porrentruy um 12 Uhr mittags. Es wird langsam heiß. Danach kommt der erste Pass; der Montvoie, moderat im Anstieg und Gott sei Dank überwiegend im Schatten. Wir halten kurz an, da wir einen völlig erschöpften Randonneur mit seiner Begleiterin auffinden. Er war zu warm angezogen und überhitzt! Nach dem Montvoie kommt die schönste Abschnitt: hinab ins traumhaft schöne Doubstal und das Tal entlang abwärts bis nach St. Hippolyte, wo wir in das nicht minder schöne Val Dessoubre einbiegen. Wir werden den Doubs, der sich in vielen Kehren durch die Region schwingt, noch häufiger sehen und überqueren. Der Aufstieg aus dem Tal ist spannend: wir sind auf der Strecke der Tour de Franche-Compte´,  einem bekannten Etappenrennen der gleichnamigen Region. Der Anstieg, in dem wir uns befinden, hat eine Bergwertung. Gegen Ende des Aufstiegs müssen wir anhalten: die Spitzengruppe der Rundfahrt fährt vorbei; in irrsinnigem Tempo, aber die sind ja noch jung ;-).  Über welliges Terrain geht es nach Chaux de Fonds, einem bekannten Skiort auf fast 1000m Höhe. Hier verfahren wir uns: die Stadt ist Zielort des Rennens und einige Straßen sind gesperrt. Nach einer halben Stunde Irrfahrt erreichen wir dann doch den Anstieg zum Dach des Brevets: den Col de la vue des Alpes. Es zieht sich langsam zu. Oben ist eine längere Rast  mit einer Portion (sauteurer) Nudeln fällig. Die Szene ist witzig, denn gleichzeitig wird oben eine Hochzeit gefeiert: Die feierlich gekleidete Hochzeitsgesellschaft bietet einen scharfen Kontrast zu unserem Outfit ebenso wie die Gerüche....Es beginnt zu regnen. Im Nieselregen fahren wir wieder zurück und Richtung Brevinetal. Es regnet inzwischen in Strömen! Zwei Randonneure kommen uns entgegen.  Hören die auf? Ein dritter fährt von hinten auf uns auf und grüßt einen der entgegen Kommenden. Ich kenne ihn nicht vom Pass her, er muss wohl oben angekommen und direkt wieder weitergefahren sein. Ich blicke überhaupt nicht durch. Nach einiger Zeit frägt er mich, wann der die nächste Kontrollstelle kommt. Ich verstehe immer noch nichts, bis er nachhakt: ihr wart doch auch noch nicht am Col?!. Dann fällt bei mir der Groschen: er ist uns an der Abzweigung, unter Umgehung des Passes, direkt nachgefahren!! Fluchend kehrt er um. Für ihn wird es zeitlich eng, aber er schafft es: wir treffen ihn später wieder! Nach einiger Zeit lässt der Regen nach und wir stehen vor dem Eingang zum Brevinetal an einem Schild: „la Brevine, la sibirie de la  Suisse!“ Hier hat es im Winter schon mal unter 40 Grad minus! Heute ist es nur kühl. Vor uns eine Gewitterwand, die wir wohl bald erreichen werden. Nach einer Stunde sind die Wolken immer noch vor uns; das Gewitter zieht von uns weg! Es bleibt tatsächlich die ganze Zeit trocken! Es beginnt zu dunkeln. Um Mitternacht  erreichen wir Champagnole, den Wendepunkt des Brevets und gleichzeitig der 3. Kontrollpunkt: die Pizzeria Big Ben. Eine skurrile Szene: eine „Rockpizzeria“: Die Wände und die Decken sind fast völlig verdeckt von Bildern, Plakaten, Schildern und Musikinstrumenten; dazu Hardrock vom Feinsten. Der Wirt hat ein verwaschenes T-Shirt an mit der Aufschrift „Polizei“! An den Tischen sitzen überall Randonneure; essend, trinkend oder schnarchend. Big Penn....? Eine andere Welt! Wir werden freundlich bedient und verweilen leider nur recht kurz, danach geht’s wieder raus in die Kühle der Nacht an das angedachte Zwischenziel: ein Campingplatz in Salin les Bains, wo wir uns für einige Stunden im Waschhaus ablegen. Dort ist es zugig und unkomfortabel, aber der Körper verlangt nach einer Pause.
Um halb sechs sitzen wir wieder auf den Rädern. Der Hintern protestiert anfangs, dann geht’s aber. Wir fahren an einem Bushaltestelle mit Häuschen vorbei, in der einige goldglänzende Gestalten wie Hühner auf der Stange in einem Schaufenster sitzen: Drei Randonneure unter Rettungsdecken, schlafend. Ein Vierter steht davor und frägt nach, ober er mit uns fahren kann. Selbstverständlich! In Gonsans treffen wir an der 4. Kontrollstelle in einer Bäckerei einige andere Mitfahrer. Ich esse 2 Schokocroissants, das muntert mich auf! Christina braucht eine „Augen-zu-Pause“. Kurze Zeit später muß ich in die Büsche.  Einige km weiter stelle ich fest, daß meine Hüfttasche nicht mehr da ist: ich habe sie in den Büschen vergessen. Stinksauer fahre ich zurück und verfahre mich in der Hektik auch noch, bis ich, schon resignierend, doch die Stelle wiederfinde. Das hat mal wieder über 20 Minuten Zeit gekostet! Der Weg zur 5. Kontrolle in Vesoul ist unspektakulär, aber wieder sehr wellig. Christinas Hintern ist mittlerweile so malträtiert, dass sie eine Novalgintablette  einnehmen muss.  Die in meinem Bekanntenkreis legendäre „Hunde- und Katzensalbe“ für Hautwunden hilft jetzt auch nicht mehr viel. Kurz nach Vesoul, der 5. Kontrollstelle bei der örtlichen Feuerwehr, bekommen wir Rückenwind: der bekannte Südwestwind, von dem der Breisgau so profitiert. Auch wir profitieren davon: es rollt jetzt wieder richtig gut! Wir steuern wieder die burgundische Pforte an. Die Vogesen kommen in Sicht, was unsere Stimmung ungemein hebt. Noch sind einige Anstiege zu bewältigen, aber auch nach weit über 500km geht das erstaunlich gut: treten geht halt wirklich immer! Was für einen starken Einfluß hat doch die mentale Kraft: wir wollen heim! Wir tauchen ins Rheintal hinab und fahren nahe an einer besonderen „Sehenswürdigkeit“ vorbei: dem Kernkraftwerk Fessenheim, überregional bekannt durch zahlreiche Störfälle! Wann wird das Ding endlich abgeschaltet? Kurz nach 21 Uhr kommen wir in Freiburg an, und, nach einer kurzen Erfrischung in der Dreisam, im Augustiner. Dort setzen wir uns zu einer kleinen Runde von Mitfahrern und geniessen die ruhige und doch euphorische Stimmung, die Spaghetti Pesto und das Andechser.
Gegen Mitternacht komme ich heim, dusche kurz und falle dann ins Bett. Die Qualifikation für P-B-P ist geschafft!!!
Nächste Woche werde ich mal wieder bei einem Triathlon starten: für mich schon fast eine fremde Welt!

Chris