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12.07.17 10:20 Alter: 74 days
Von: Christoph Molz

Do kannschs au lesse


50  Randonneure sitzen im Augustiner und schlagen sich die Bäuche voll für ein besonderes Brevet:  den 600er zum Mont-Ventoux. Start ist auf 5 Uhr angesetzt, deshalb ist es noch dämmrig, als wir uns in Bewegung setzen.
Ich bin das Gegenteil  von einem Frühaufsteher, doch der Reiz, bei diesem Brevet teilzunehmen, an diesem Brevet war  stärker als meine Faulheit. So setzte ich mich kurz nach vier, nach einer Nacht mit wenig Schlaf, auf mein Rad.
Es geht nach wenigen Km über den ersten Hügel vor Bollschweil. Danach finde ich mich in einer größeren Gruppe wieder, die ich bis zur ersten Kontrolle begleiten werde, da es bis dorthin flach ist. Die Gruppe wächst anfangs  immer mal wieder, auf bis zu 30 Fahrer, da einzelne Randonneure eingeholt werden, aber nach ca. 60km wird sie langsam kleiner, weil immer wieder welche abspringen wg. Pinkelpause oder Hunger. Es geht zeitweise die Eurovelo 6 entlang, parallel zum Rhein-Rhone-Kanal, einer europäischen Fernradwegroute vom schwarzen Meer bis zum Atlantik. Eine Zehnergruppe erreicht nach 115km die erste Kontrolle. Einen 28er Schnitt hatte ich noch nie bei einem Brevet! Hier esse ich erstmal was, während die meisten anderen nach kurzer Pause sofort weiterfahren. Dadurch löst sich die Gruppe endgültig auf. Ich fahre mit Andi und Ingrid sowie einigen anderen weiter. Jetzt kenne ich Teile der Strecke von anderen Brevets her, vor allem den Weg durch das sehr schöne Dessoubretal.  Nach 170 Kilometern kommen die ersten Anstiege. Es wird zunehmend heiß. Wir erreichen einen Brunnen, und die Flaschen sind fast leer. Das Schild „Non potable“ wird geflissentlich ignoriert. Ein Mitfahrer  frägt aber doch nach: „Kann man das denn trinken?“ Trockener Kommentar aus der schwäbischen Ecke: „Do kannschs au lesse“. Resigniert füllt der Mitfahrer seine Flasche auf. Er hat kaum eine andere Wahl. Ich verziehe mich zum pinkeln und verliere dadurch die Gruppe.  Pontarlier sehe ich zum ersten Mal im Hellen, bei den anderen Brevets war es immer dämmrig oder schon dunkel. Bei der zweiten Kontrolle treffe ich  einige Mitfahrer wieder, darunter Mike, einen Hamburger, der extra für dieses Brevet aus dem hohen Norden gekommen ist. Er hat einen Riesenhunger und bestellt sich gleich einen sehr großen Hefekuchen. Mir reicht ein kleiner Kuchen gut aus, danach fahre ich erstmal alleine weiter. Die nächste längere Steigung endet an einem sehr schön gelegenen See, wo ich Mike wieder treffe. Er ist inzwischen ziemlich fertig wegen der für ihn als Hamburger ungewohnten Steigungen. Leider habe ich zum Baden keine Zeit. Wir fahren erstmal zusammen weiter. Auch er hat kein Navy, aber die Streckenbeschreibung ist wie gewohnt sehr gut, so dass wir zügig weiterkommen. Mein Plan ist, mindestens bis km 350km zu fahren, ev. auch 400km, um den größten Teil der Strecke hinter mich zu bekommen. Wir arbeiten uns langsam in Stufen auf bis zu 1250m Höhe. Nach km 300 folgt eine 80km lange  Abfahrt  auf 250 Meter, unterbrochen von einigen kurzen Anstiegen. Wir suchen unterwegs nach einer Verpflegungsmöglichkeit, aber nach 20 Uhr ist das in dieser Gegend schwierig. Endlich finden wir eine Pizzeria, die gerade schließen will, für uns aber immerhin noch etwas Wurst und Brot hat. Es wird langsam dunkel, und der Mond geht auf. Es ist Vollmond! Eine wunderschöne Stimmung, die die Strapazen der Anstiege erträglich werden lässt.
Nach  der dritten Kontrolle in Ruffieux legen wir uns erstmal ab: im überdachten Eingangsbereich eines Hauses.  Kurze Zeit später hören wir, wie ein Auto anhält. Die Autotüre schlägt zu, es kommt - der Hausbesitzer! Er grüßt freundlich: „ Bonsoir“. "Bonsoir", murmele ich ."Vous voulais quelche chose a boire ou manger“? Oh, der ist ja freundlich! "Non, merci". "Bonne nuit“! Er geht ins Haus. Einige Zeit später geht die Haustüre wieder auf: "vous vouler dormir ici, j`ai des lits!" Ich stelle mich schlafend, und Mike sagt auf englisch: "no thank you, we only  rest here for some minutes". Die Haustüre geht wieder zu. An Schlaf ist nicht mehr zu denken, und der Boden ist kalt; wir fahren weiter. Mich fröstelt, und wir treten kräftig in die Pedale, um uns aufzuwärmen. Dabei übersehen wir erstmal den Einstieg zum Rhoneradweg!  Nach kurzer Suche finden wir ihn. Die Orientierung ist im Dunkeln schwierig, und wir müssen immer mal wieder anhalten und schauen, aber irgendwie schaffen wir es doch, den Verlauf zu finden. Am Ende des Wegs erreichen wir wieder eine größere Straße. Dort steht einladend ein Bushäuschen, in dem wir es uns bequem machen. Ich erinnere mich an meinen kleinen Biwaksack, den ich jetzt zum ersten Male ausprobiere. Er gibt erstaunlich viel Wärme, so dass ich tatsächlich einige Zeit schlafen kann. Gegen  5 Uhr stehen wir wieder auf. Ich schaue jetzt genauer hin: bei mir am Boden liegen einige kleine Scherben herum, bei Mike krabbelt eine Spinne über den Schlafsack. Also der ganz normale Wahnsinn....Wir schwingen uns auf die Räder und suchen nach dem weiteren Weg.
Es wird langsam hell und wir bekommen Hunger. Dazu einige kurze und sehr steile Anstiege, welche die letzte Energie aus den Beinen saugen. Ein Mitfahrer überholt uns; er kommt mit den Steigungen etwas besser zurecht. In Le Grand Lemps biegt er falsch ab; wir sehen ihn nur noch am Horizont verschwinden. Hier suchen wir uns erstmal ein Kaffee und frühstücken. Neugierig erkundigt sich  Madame  hinter der Theke, was wir hier machen:  es waren wohl  schon einige andere Mitfahrer da. Dann geht es weiter  über den kleinen Col des toutes Aures.  Der Himmel ist bedeckt, wie ich erfreulich registriere: das wird den Rest des Weges erleichtern.  Andi hatte gestern noch Hitze für heute prophezeit!  Ich habe das Höhenprofil vor mir: es kommen  noch drei Anstiege: ca. 800, 300 und 500 Hm. Vor dem ersten Anstieg essen wir noch ein Nudelgericht in einer Pizzeria. Immer mal wieder fährt ein freundlich grüßender Randonneur vorbei. Pünktlich zur Abfahrt  kommt erstmals an diesem Tag die Sonne durch! Mir schwant übles: die letzten Anstiege werden wir wohl doch in der Mittagshitze angeben müssen! So kommt es dann auch. Der erste und längste Anstieg ist jedoch vergleichsweise moderat, und nach 300 Hm kommt ein kühler Wind auf. Wir fahren ohne Pause 700 Hm durch und trinken an der Kontrolle in Leoncel noch was. Der Mitfahrer, der vorher falsch abgebogen war, stößt wieder zu uns. Es nochmal anstrengende 150Hm nach oben. Dafür genießen wir danach die lange Abfahrt. Der zweite Anstieg ist der schlimmste des ganzen Brevets: 300 Höhenmeter überwiegend in der prallen Sonne und sehr steil. Ich muss einmal im Schatten eines Baumes Pause machen; Mike fährt durch. Oben angekommen, sehe ich ihn nirgends, ebenso nicht an der Kneipe im Tal danach. In Bourdeaux, der "Notstempelstelle" nach 600km wartet er auf mich und hat vorsichtshalber in einer Kneipe abgestempelt. Ich bin überzeugt, dass wir das nicht brauchen, denn wir haben für 500Hm und 35km über drei Stunden Zeit, tue es ihm aber trotzdem nach; wer weiß….
Die letzen 500Hm werden nochmal sehr anstrengend, aber das nahe Ende der Tour erleichtert den Aufstieg.  
Die letzte Abfahrt können wir wieder genießen, dann treffen wir in Nyons im Zielrestaurant auf ca. 20 gutgelaunte Randonneure an einem großen Tisch. Wir suchen uns erstmal ein Hotel und haben Glück: 100m vom Restaurant entfernt ist noch Platz für uns! Danach setzen wir uns dazu. Der Abend klingt aus mit einer gehörigen Portion Essen und Bier, Wein und einem Spezialschnaps vom Wirt. Zufrieden wanke ich ins Hotelbett. Ein Teil der Randonneure pennt unten am Fluß.
Da ich drei Tage später wieder arbeiten muss und noch keinen Zug gebucht habe, schenke ich mir den MV (ich war sicher schon 20 mal dort oben) und fahre mit dem Rad nach Montelimar zurück, von wo ich am Sonntag morgen mit dem Zug den Rückweg antrete.
Mein längster und bisher schönster Brevet ist erfolgreich beendet!