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02.06.16 20:25 Alter: 1 year
Von: Irene Greiner

Eine ganz schöne Viecherei war der Bodensee-400er!


 

Im Grunde hat alles geklappt und es waren keine Absonderlichkeiten zu verzeichnen. Was beim 300er schiefgelaufen war, war mit viel Glück, technischer sowie optischer Aufrüstung kein Problem mehr.

Das Navi fiel nicht aus, ein funkelnagelneuer SON Edelux samt Luxuslatüchte verrichtete seinen Dienst klaglos, der Akku saß dank Panzerband unverrückbar in der Buchse, das Helmlicht war von Beginn an am Helm, wo es hingehört, den Plan und das Navi konnte ich dank nagelneuer Sportbrille mit Gleitsicht und Prismen sowie den erforderlichen Dioptrien auch erkennen.

Das Lustigste an diesem Brevet war, dass ich mich praktisch nicht verfahren hatte! So was ist mir noch nie passiert... Dabei fing es ziemlich hektisch an. In zwei Gruppen sollten wir wieder starten, ich wie üblich in der zweiten, hatte also noch zehn Minuten Zeit. Ja, nee, kurzfristige Änderung: Wir starten alle gemeinsam 8 Uhr. Natürlich habe ich kein Navi an, bin außerdem nicht gerade vertraut mit diesem Teil und prompt geht es schief - es funktioniert einfach nicht - Panik!!! Ungefähr nach 20 Minuten Fahrt habe ich es soweit gebacken und von nun an führt mich das Navi zuverlässig. Ein besonders wertvoller Gesprächspartner war ich in dieser Panikphase sicher nicht, sorry Urban!

Die Hitze setzt mir ebenfalls von Beginn an zu, der Kreislauf geht baden, mir wird schon beim ersten Anstieg grottenübel. Obwohl ich langsam und mit gutem Rhythmus bergauf fahre, muss ich kurz vor dem Spirzen absteigen und - lassen wir die Einzelheiten. Es geht wieder, rauf aufs Rad, weiter gestrampelt. Reine Fleißarbeit, die irgendwann rum ist: Wo es raufgeht, geht es auch wieder runter, das gleicht sich in aller Regel aus. Doof nur, dass genau zu diesem Zeitpunkt olfaktorische Genüsse der landwirtschaftlichen Art dazu kommen. Ein Schwarzwälder Bäuerlein dreht genüsslich seine Runden mit dem Jauche-Kübel, der Geruchsintensität und der Farbe der Wiese nach zu urteilen, ist das meiste schon schön verteilt. Urgs, würg! Nix wie weg!

Die Flucht gelingt in Zeitlupe, aber immerhin. Der Turner ist überwunden, es geht abwärts, die B500 lang. Erst wieder Hektik im Luftkorridor, wie schon beim 200er während der Abfahrt ins Hexenloch, wo zeitgleich eine Amsel von links und eine Drossel von rechts unmittelbar vor mir kreuzen. Diesmal waren es zwei Eichelhäher, beide von rechts. Das übliche Geschrei in der Luft, fort sind sie. Uff!

Rindviecher der besonderen Art kurz darauf: Auf der linken Seite im Wald kracht es fürchterlich und ich sehe - in dieser Jahreszeit!!! - ein so niedlich Vollernter genanntes Gerät, dass sich an den Baumstämmen abarbeitet. Ich kommentiere dies lieber nicht weiter. Immerhin sehe ich auch wirklich Schönes, zum Beispiel während des Raufkurbelns zum Turner ein Gehege, in dem das liebe Federvieh einen wunderbar großen Auslauf hat mit eigener auf zwei Ebenen angelegter Badewanne, wenn ich es recht gesehen habe, sogar fließendes Wasser. An den Seiten in der Kuhle liegen Stallhasen, auch sie im Auslauf mit Schatten, Sonne, Wasser, Sand, Erde - herrlich!

Kontrolle 1 Bäckerei Schmid in Bräunlingen. Ich möchte zu gern etwas futtern, bin aber wegen der andauernden Übelkeit völlig neben mir, bisschen wie zu viel gepichelt, kann mich kaum konzentrieren. Immerhin kaufe ich eine Flasche mit Saftschorle und kippe sie in die halbleere Radflasche.

Die weitere Fahrt Richtung Schaffhausen verläuft unspektakulär. Gut zu fahren, landschaftlich schön und abwechslungsreich. Es geht wellig weiter, nichts, was nicht machbar wäre, und doch muss ich öfter absteigen und schieben. Ich wollte doch schon immer mal an einem Friedhof tanken - was für morbide Wünsche... In einem Dorf bietet sich die Gelegenheit: Erstes Wasserhuhn - geht nicht. Zweites Wasserhuhn - auch nicht. Das dritte tut mir den Gefallen und tut, was es soll. Der Himmel tut mir den Gefallen und macht dasselbe: Es beginnt zu regnen.

Darüber würde ich mich normalerweise freuen, aber es ist wirklich noch zu schwül. Auf Schaffhausen zu beginnt es dann wirklich zu regnen, ich friere auf einmal wie ein Wuff, ziehe meine Regensachen an und fahre ein Weilchen etwas angenehmer. So schnell der Regen kommt, vergeht er, es wird wieder heiß, Klamotten wieder aus, weiter. Inzwischen genieße ich in Schaffhausen den Ausblick auf den Rheinfall. Wenn man die optisch wenig ansprechende Umgebung ausblendet, ist er wirklich schön. Und er kann ja nix dafür, dass man so wenig galant um ihn herum gebaut hat. Den Stempel habe ich schnell und ebenso schnell lasse ich diese unglaublichen Menschenmassen am Quai hinter mir: Ich bin kein Rudeltier, habe es gern beschaulicher.

Der Part zum Bodensee steht an, gut zu fahren und landschaftlich schön, aber die Knie beginnen schon jetzt ihre Diskussionen mit mir. Mein Versuch, sie zu ignorieren, ist nicht von allzu viel Erfolg gekrönt. Knieprobleme sind mir nun wirklich bekannt, aber das hier hat eine eigene Qualität: Die Sehne rechts und links oberhalb der Knie fühlt sich an als würde ein Messer darin stecken. Seit genau zwei Tagen habe ich statt der Klickpedale, mit denen ich so gerne umgefallen bin, Kombipedale PD T80 sowie die entsprechenden Schuhe mit SPD-System. Das klappt wunderbar, ich bin schnell drin und schnell draußen, vermute aber, dass ich sie zu weit hinten eingestellt habe, außerdem ist der Sattel jetzt zu hoch. Die Knie sind überstreckt, sicherlich nur wenige Millimeter, aber das scheint nicht gut zu tun. Verstellen kann ich den Sattel nicht, die Schraube ist zu fest.

Die Hitze wird schlimmer, aber ich bin immerhin in Konstanz. In einem Outdoor-Geschäft in der Unteren Laube bekomme ich nach zähem Verhandeln einen feinen Stempel. Der junge Mann will nach einigem Hin und Her "erst mal den Chef fragen". Genau in diesem Moment verliere ich doch kurz meine Contenance und bitte ihn, jetzt und sofort und ohne Federlesens einen Stempel draufzusetzen – ich hatte schon einige Zeit gewartet gehabt.

Es geht mir praktisch "kilometerlich" schlechter, ich laufe absolut unrund. Hunger ohne Ende, aber es geht nix rein. Alles, was ich habe - und ich habe viel dabei - macht mich würgen. Mit Ach und Krach landen ein paar Riegel in meinem gequälten Inneren. Auf dem Weg über dem Bodanrück halte ich bei einem Bäcker, mir ist gerade alles egal. Zwei Cola und zwei belegte Baguette erwerbe ich käuflich, je ein Teil landet als Vorrat in der Tasche, den anderen zwinge ich Stück für Stück rein. Die Cola tut gut, die Übelkeit wird weniger, der Kreislauf besser. 

Albrecht und ein weiterer Fahrer sausen vorbei, sehen mich nicht. Einige Zeit dahinter kommt Anke, mit der ich das letzte Stück vom 300er gefahren war (heute weiß ich den Namen), sie ist offensichtlich gut im Tritt, winkt, fährt auch weiter.

Die Knie fühlen sich mittlerweile an, als ob jemand die Nerven durchkauen würde, ich bekomme praktisch keinen Druck mehr auf die Pedale, alles krampft. Also laufe ich einige Kilometer brav neben meinem Rad her und sinniere vor mich hin. Technik ok, noch immer kein Platten - ich selbst funktioniere diesmal nicht! 

"Dass abbe’r‘ah immer äbbes sei muass, gell?" Und dann fällt mir doch was ein, ich bin nämlich eine ganz Schnelle: Wenn ich Kombi-Pedale habe, könnte ich doch mal …? Also nicht „klick“, sondern einfach ganz konventionell "stapf"? Und da komme ich erst jetzt drauf? Mannomann, hat es mir das Licht ausgeblasen bis hierher! Es geht so tatsächlich wieder besser, ich habe den Fuß weiter vorn auf dem Pedal, das Laufen dürfte auch geholfen haben.

Ein schöner Brunnen mitten im nächsten Dorf kommt mir gerade recht. Ich fülle mal wieder die Flasche auf und putze sehr genüsslich meine Beißerchen. Ein Hoch auf die Reisezahnbürstenerfinder!

Den Hegau mag ich, Vulkane faszinieren mich seit jeher, auch erloschene. Die Fahrt verläuft jetzt wieder besser, etwas von der alten Leichtigkeit kommt zurück. So einige Viecher auf den Weiden und in der Luft sind zu bewundern. Viele Schwarzmilane, aber nur einen Rotmilan sehe ich. Vergleichsweise wenige Bussarde, keine Störche, Grau- und Silberreiher oder auch Falken, die daheim an der Grenze zum Kraichgau häufig sind. Ich nehme an, dass das mit der äußerst intensiven landwirtschaftlichen Nutzung der Gegend zusammenhängt.

Es geht wieder öfter den Buckel rauf, aber auch wieder runter. Die Knie ächzen und knarzen, ich habe wieder Hunger, kann aber weiterhin nichts essen. Nach einer schönen Abfahrt komme ich in Beuron an. Wirklich sehenswert und wie aus einer anderen Welt!

Albrecht und sein Kollege brechen gerade auf, sie haben sicher noch ordentlich gefuttert für die Nacht. Wir unterhalten uns ein bisschen über die Höhenmeter, die noch kommen - viel Mut machen sie mir nicht. Ich bin in einem ambivalenten Zustand: "Es geht nicht mehr" und "Ich gebe nicht auf, wäre ja gelacht!" Außerdem möchte ich meine vorab bestellten Devotionalien (Medaillen) aufhängen dürfen. Mal sehen, welche der Optionen das Rennen machen wird...

Ich hole mir den Stempel bei ungemein freundlichen Wirtsleuten und fahre sofort weiter. Vorher mache ich mich bettfein: Kurz mit meiner neuen Luxusfunzel illuminiert, Warnweste drüber, es wird dunkler. Beim Abfahren sehe ich den Klassiker: Ein Mönch in braunem Gewand steht zur rechten und schaut äußerst zufrieden mit sich und der Welt vor sich hin. Der Bauch ist das optische Pendant zu mindestens zwölfmonatiger Schwangerschaft mit Drillingen! Unglaublich, als Scherenschnitt wäre das eine Wucht gewesen. Ob das hier mit der Ora et labora so hinhaut? Oder eher mehr bibere und cenare als laborare?

Mein nächster Gedanke ist eher reumütiger Natur: Wenn ich nicht selbst so ein Vielfraß wäre, müsste ich nicht so viele Kilos bergauf schleppen, es würde nicht schaden, einige davon zu verlieren. Klappt aber nicht. Ich sollte vielleicht mehr bei Hitze radfahren! Ach, ich glaube, ich behalte mein dezentes Übergewicht lieber…

Balingen steht an. Es ist dunkel und ich kann nicht erkennen, wie hier ein Radweg um die gebrezelten Straßen führen sollte. Um ein Haar wäre ich in eine der beiden Schnellstraßen gefahren. Aber ich beherrsche mich und fahre einfach drauf los, der Radweg führt doch weiter. Ich komme gut durch und bin froh, als die Stadt hinter mir liegt.

Inzwischen zieht sich das Wetter abermals zu. Der Regen wird wieder stärker. Donnergrollen und Wetterleuchten ringsherum, schemenhaft erkennbare schwarze Blumenkohl- und Rummsewölkchen - ein gespenstisches Szenario. Glücklicherweise scheine ich in einem Gewitterloch unterwegs zu sein, während um mich herum die Welt untergeht. Die Straßen werden geflutet, ich flute mit, aber die Gewitter bleiben in anständiger Entfernung.

Meine Helm-Badehaube und eines meiner Totenkopf-Rücklichter habe ich auf einer meiner nächtlichen Ent- und Bekleidungsstationen am Straßenrand verloren. Ich setze kurzerhand die Kapuze meiner Wanderregenjacke auf, ziehe den Helm drüber, das ist sogar schön gemütlich.

Bei meiner Regenfahrt in der Gegend von Geislingen sehe ich alle möglichen Viecher, darunter einen Lurchi! Schon lange habe ich keinen Feuersalamander mehr gesehen und freue ich mich umso mehr über den farbenfrohen Mini-Saurier. Die übliche Krötenparade, Regenwürmer wie gehabt, aber da ist noch mehr: Ein kleines Füchsle, ganz hell, fast weiß, rennt von rechts auf die Straße, sieht mich, dreht sofort zurück und verschwindet im Gemüse des Seitenstreifens. Einige hundert Meter später das gleiche Ritual, diesmal mit einem ausgewachsenen Fuchs. Auch er läuft mir nicht in die Speichen.

Am niedlichsten ist eine pitsche-patsche-nasse Maus, die mitten auf der Straße sitzt und vollkommen perplex dreinschaut. Wahrscheinlich ist sie geblendet, und ich weiß jetzt, wie eine unfrisierte und ungeföhnte Maus aussieht, wenn sie nächtens ausgeht! Einen Dachs hätte ich erwartet, weil ich schon während der Dämmerung sehr viele Eingänge zu Dachsbauten sehe, auch solche mit den üblichen "Dachsrutschen" davor, also durchaus bewohnt. Die Herrschaften geruhten aber wohl, zu Hause zu bleiben. Dabei sehe ich die Viecher so gerne rumschlurfen!

Sulz am Neckar steht an, aber vorher beginnt es nochmals richtig heftig zu regnen. Die Regenjacke habe ich an, der Rest ist noch für trockenes Wetter ausgelegt, weil mir bis jetzt nicht kalt war. Nach der langen Abfahrt stelle ich mich und mein treues Ross in einem altersschwachen Schuppen unter und versuche, wieder etwas von dem Brötchen zu essen. Geht nicht. Trinken geht, die Cola hilft wieder, die zweite Flasche ist jetzt weg. Als ich durch die Fußgängerzone fahre, brüllen sich gerade einige Horden Jugendliche über die Straße gegenseitig an. Es ist spät, ich will hier raus!

Und es geht steil bergauf wieder raus, ich schiebe mal wieder. Mach' ich doch gerne! An einer Einbuchtung rechts sehe ich ein voll beleuchtetes Fahrzeug mitten in der Pampa, zwei Personen daneben. Mir ist ganz schön mulmig, was, wenn das keine netten Leute sind? Ich könnte mich ja mal wieder so wie in Schulzeiten so richtig kloppen, würde aber wohl ziemlich sicher den kürzeren ziehen. Egal, ich fahre jetzt wieder und gucke einfach mal. Als ich vorbeifahre, sind ein junger Mann und eine junge Frau miteinander im Disput. Sollen sie weiter disputieren, ist mir recht.

Es geht immer weiter bergauf, kleine Sträßchen lang und an einer Stelle, die ich um ein Haar verpasst hätte, kommt eine vollbeleuchtete Radfahrerin von oben herunter. Die Silhouette kenne ich: Anke! Lustig, wie wir uns auch hier immer wieder über den Weg fahren. Wir biegen also routenplan-konform links runter ab und nehmen die Strecke nach Freudenstadt in Angriff. Ich lasse sie beizeiten ziehen, weil ich nicht mehr sprechen kann vor lauter Nicht-Mehr-Können und außerdem mit Watte in den Ohren ohnehin kaum was verstehe.

Die Tankstelle in Freudenstadt ist gut zu finden und wie beim 300er-Brevet mache ich erst an dieser letzten Kontrolle eine nennenswerte Rast. Ein Königreich für eine Toilette! Ja, und danach wäre dann noch die Frage, was es heute noch zu essen gibt. Ich kann die Auslagen nicht mal ansehen, ohne dass mir schlecht wird. Kaffee sollte gehen. Und eine Bockwurst oder so was - komisch, was man sonst nicht isst, macht einen bei so einer Tour an, wie schon die Bouletten beim 300er... Es ist schlimm mit mir gekommen, bin ich schwanger? Ich hole mir drei Päckchen Senf, Unmäßigkeit ist mein zweiter Vorname, auf dem Teller ist schon eine Portion. Dieser Senf ist alles, was ich jetzt haben möchte! Ich sitze vor dem Teller, Anke kauft solange gefühlt den Laden leer und hat wohl auch Riesenhunger. Bei mir geht aber doch wieder nix rein. Das Würstchen lasse ich zur Hälfte zurückgehen, den Senf auf dem Teller esse ich, die drei Päckchen, die eben noch die Welt bedeutet hatten, wandern in die Tasche. Der Kaffee geht auch nicht, ich schütte ihn dann sozusagen auf Ex, einfach, damit er drin ist.

Ein paar Jugendliche nutzen die Gunst der Stunde und wollen sich mit Alkohol eindecken. Die freundliche Verkäuferin lässt sie abblitzen, es gibt ein wüstes Gefluche auf Gott und die Welt und die Regierung, dann ziehen sie wieder ab. Die Diensthabende hat extra für die Randonneure die Türe aufgelassen, das Rad darf auch wieder mit rein, und sie ist so bemüht und so freundlich, dass ich denke, allein für diese Begegnungen lohnt es sich, solche unvernünftigen Touren zu machen!

Wir fahren weiter. Verschiedentlich habe ich was von "Landwassereck" und "muss das jetzt noch sein" etc. vernommen, und mir graust es ordentlich. Die Knie tun weiterhin sehr weh, aber es geht insgesamt wieder. Nachts ist auch der Kreislauf wieder besser, der Regen hat wohl geholfen. Außerdem denke ich grundsätzlich in Konjunkturkurven – ewiges Wachstum is nich. Ich bin flexibel wie ein Hosengummi. Wenn es wieder geht, gehe ich eben mit. Die Fahrt durch das Kinzigtal ist toll! Wie gerne würde ich das jetzt alles bei Tageslicht sehen, aber es ist immer noch stockfinster. Und irgendwann, als Anke sich gerade nochmal bisschen regensicherer anzieht, während ich weiterfahre, rauscht Albrecht an mir vorbei. Ssssssst und weg isser! Ich strample wieder alleine durch die Landschaft und male mir aus, wie der ungute Buckel wohl werden wird. Er wird so steil, dass ich ihn bis auf ganz kurze Stücke konsequent zu Fuß hochhechele. Der Mitstreiter von Albrecht, den ich auch in Beuron noch getroffen hatte, kommt von hinten angefahren. Gefahren!!! Bei der Steigung, ganz undenkbar für mich, auch wenn ich noch frisch wäre und keine Kreislauf- und Knieprobleme hätte! Wir unterhalten uns ein bisschen, und er hat nicht mal die geringsten Atemprobleme, nichts. Ich bin voller Bewunderung. Und um eine Erkenntnis reicher: Ich muss endlich mal konsequent trainieren!

Im Grunde fahre ich alles auf Reserve, eben weil ich wegen der Dauer-Knieprobleme nicht konsequent trainieren kann. Beim Berglaufen auch nicht. Ich nehme mir vor, den Winter über richtig systematisch vorzugehen, damit ich im kommenden Jahr wieder und souveräner mitmischen kann. Der kurz mal im Vorfeld angesponnene 600er entschwindet in diesen Stunden für 2016 endgültig. Ich werde ihn nicht mal versuchen, ich würde ihn definitiv nicht schaffen.

Mein Glück ist, dass ich ein einigermaßen starrsinniger und beharrlicher Schiffsdiesel bin. Ich ziehe so einiges durch, langsam, aber ohne große Unterbrechung. Bei dieser Fahrt hatte ich ungefähr 20 Minuten Aufenthalt beim Bäcker auf dem Bodanrück und ungefähr 30 bis 40 Minuten in Freudenstadt, das war's. Und ich bin nicht müde, überhaupt nicht. Die Konzentration lässt bis zum Ende nicht nach.

Die Vögel zwitschern, der Himmel wird heller, erste Fußgänger und Autos sind unterwegs. Nebel hängt in den Tälern und auf einer rasanten Abfahrt geht es mitten rein ins kalte, neblige Tal. Aber ich möchte jetzt nur noch heim, halte nicht an, um mich wärmer anzuziehen. Auf dem Weg zum Landwassereck hatte ich mich "nackich gemacht", die Jacke und Weste waren in der Satteltasche.

Rein nach Freiburg wird es zur Quälerei, ich kann nicht mehr sitzen, alles tut weh. Zur Abwechslung muss ich mal wieder in die Botanik und wähle mit Bedacht einen kleinen, aber feinen Hainbuchen-Bestand aus. Schöne, griffige Stämme mit glatter Rinde, an denen man sich einhändig wieder in die Senkrechte ziehen kann. Diese Knie bringen mich in die skurrilsten Situationen…

Das Gegurke durch die Stadt macht mir so viel Freude wie sonst auch, nämlich keine. Die Tankstelle, der letzte Stempel, noch 2,5 Stunden dürfte ich brauchen. Und wie verhext – nachdem ich da drinnen fast in die Knie gegangen wäre, klopft mein Magen wieder an die Tür und ich beginne, langsam auf meinem ollen Bodensee-Brötchen herum zu kauen. Schnell die Brevet-Karte in den Briefkasten beim Augustiner, kurz vor dem Campingplatz habe ich das Teil endlich aufgegessen!

Epilog – episch war das ja doch schon wieder: Wir haben Dienstag, ich habe immer noch Probleme mit den Innereien, kann nicht schlafen, aber die Knie sind schon viel besser! Doch, auch diese Tour, die mir so jeden Übermut genommen und mir die Grenzen wirklich aufgezeigt hat, konnte ich genießen und ich bin froh, sie angegangen zu haben.

Ich bin natürlich stolz, es geschafft zu haben, aber noch viel mehr bin ich richtig, richtig dankbar, so etwas überhaupt machen zu dürfen! Ein eigenes Rennrad, ein Herrchen, das sich solange um die Wüffer kümmert, ein bisschen Mumm in den alten Knochen, das reicht als Grundlage und ist so viel wert. Vielen Dank an Urban und Walter und die vielen netten Begegnungen unterwegs!