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24.07.14 19:47 Alter: 3 yrs
Von: Andreas Herrmann

Geduld, Geduld, das Schlimmste kommt noch - Belchen satt 2014


Manche Dinge kann man nur ganz schwer beschreiben oder erklären. Aktivitäten, die sich im Grenzbereich der eigenen Leistungsfähigkeit abspielen , beispielsweise. Körperlich und mental. Wir Radler haben da gewisse Vorteile gegenüber Okkultisten und Tischrückern. Wir können Grenzerlebnisse erfahren. Im wahrsten Sinne des Wortes. Klar, wenn einer schreibt „Belchen satt“ sei  „eine der epischsten und härtesten Herausforderungen, die es in Europa für Hobby-Radsportler gibt!“ (Zitat Tilo Lier), dann denkt man erst „na und!“. Hat man sich dann aber auf den Weg gemacht, wird die Fahrt recht zügig zu einer Reise ins eigene Ich.

Der Autor: Andi HerrmannNach so einem Anfang kann eigentlich kein chronologisch geordneter Bericht über die Stationen einer Radwanderung entstehen, denkt sich der Leser- und auch der Autor. Pässe und Höhenmeter, Entfernungen und Kontrollstellen können prima in der tollen Streckenbeschreibung und anderen Berichten nachgelesen werden. Zwei Tage nachdem die letzten Kilometer in einem apokalyptischen Unwetter in der Rheinebene absolviert wurden, tauchen die Bilder und Emotionen von 51 Stunden „Belchen satt“ immer wieder dominant an der Oberfläche des Bewusstseins auf. Im Folgenden der Versuch sie einigermaßen strukturiert wiederzugeben.

„Ich hätte Lust sofort loszufahren“, sagt Urban am Freitagabend zu mir. Eine saudumme Idee. Eigentlich wollen wir in Ruhe ein Bierchen trinken, fünf Stunden schlafen und dann ausgeruht um 4:00 Uhr in Freiburg lostuckern. Am Morgen ist mir aber schon der gleiche Gedanke gekommen, denn die Wettervorhersage verspricht für das spätere Wochenende nichts Gutes. So kommt es also, dass wir uns völlig unausgeschlafen auf den Weg machen.  –CUT-

Der deutsche Belchen bei Nacht. Mystisch. Wenn man um diese Zeit dort oben ist, versteht man, warum dieser Berg schon bei den Kelten als etwas Besonderes galt. Gebannt starren wir auf das Lichtermeer von Freiburg und die von Leuchtkäfern bevölkerte Rheinebene hinab. Auf der rumpligen Abfahrt fällt plötzlich mein Frontlicht aus. Völliger Blackout. Ich schreie nach Urban. Er hört mich nicht. Nothalt. auf dem Weg zum BelchenGefummel an den Drähten. Losrollen. Alles wieder bestens. Sankt Belchen hat es gerichtet. –CUT-

Morgens um drei fahren wir durch den Dschungel. Bergauf zum Tiergrüble. Geteert, schmal, schwül. Voller Leben und Energie. Hier will ich mal tagsüber her. Die Bilder, die ich von den Ausblicken im Internet gesehen habe, sind atemberaubend. Ich tropfe wie ein Kieslaster vor Schweiß. Oh je. Jetzt schon. Wie wird das dann erst morgen in der Hitze? –CUT-

 

Ein kleiner Buckel noch, dann geht es endlich hinab zum Rhein. Aber der Schmierer hinter Todtmoos nimmt kein Ende. Und ist dazu noch viel steiler als vermutet. Endlich oben, geht langsam die Sonne auf und wir genießen die aussichtsreiche Abfahrt nach Laufenburg in vollen Zügen.

Sonnenaufgänge nach einer durchpedalierten Nacht gehören zu den schönsten Geschenken, die man als Radler von der Natur bekommen kann. Wir stehen auf der Rheinbrücke, machen Bilder und sind glücklich.

 

Unser Glück steigert sich noch, als wir in Frick eine früh öffnende Bäckerei  finden, mit den nettesten Bäckereifach-verkäuferinnen der Schwyz. –CUT-

 

 

 

Die Steigungs-Prozent-Orgie von „Klein-Rampistan“ überstehe ich diesmal gut, berausche mich ein weiteres Mal an der Schönheit von Dörfchen wie Kienberg und Wisen und stehe schließlich vor der legendären Kotzrampe zwischen Läufelfingen und Eptingen.  „Vernunft und Demut statt Stolz und Protzerei“ soll mein Motto für diese Tour sein. Ich will also schieben, sobald es zu steil wird. Hier ist eine prima Stelle um den Worten Taten folgen zu lassen. Leider erwähnt Urban, wie seine Freundin diese Stelle einmal (fast) bezwungen hat. Nach Luft ringend und mit brennenden Oberschenkeln komme ich oben und an. Jetzt habe ich ganz vergessen abzusteigen. Stolz und kein bisschen verlegen kurble ich weiter und versuche auf der steilen Abfahrt nicht an meinem eigenen Schweiß zu erblinden. –CUT-

3 Tage vorher: „Ich hab mich entschlossen, mit Euch zu fahren, wenn Ihr Lust habt“, eröffnet mir Urban am Telefon. Klar habe ich Lust. Der Kerl hat sich die ganze Chose ausgedacht und kennt sich erstklassig entlang der Strecke aus. Außerdem ist er der bestmögliche Kumpel auf solchen Unternehmungen. Jetzt komme ich aus der Sache nicht mehr raus. Mit meiner diesjährigen Form (konditionell und auch konturen-technisch) bin ich eigentlich nicht gut genug für ein solches Unterfangen. Aber, wenn der Papst persönlich mitkommt, was kann da noch schiefgehen? –CUT-

 

Endlich am Belchenhaus und gleich darauf am Chilchzimmersattel. Eine herrliche Gegend, bestens bekannt von den 300ern in Freiburg. Gute Pause in Balsthal, die lange, langweilige, quälende Strecke in Richtung Moutier. Hinauf zum Weissenstein, einem wahren Scharfrichter unter den Pässen. Wir sind früh genug dran, die Auffahrt ist noch recht  schattig und die 11 – 15 % Steigung sind gegenüber der anderen Seite mit 22% durchaus als moderat zu bezeichnen. Oben ist Schwingerfest, wir aber rutschen die Höllenabfahrt herunter und ich presse drei schnelle „Ave Maria“ raus, immer voller Angst, dass die Bremshitze meine Reifen platzen lässt und der Rest von mir endgültig beim Abdecker landet. –CUT-

Heiß. Jetzt ist es mörderheiß. Wir fliehen in ein klimatisiertes Restaurant im Migros. Ich nicke sofort ein. Bekomme meine Nudeln nicht runter, muss fast brechen. Haue bereits das fünfte Red Bull rein. Will hier nicht weg. War doch bis jetzt schon weit und hoch genug. 165 km und 4.000 Höhenmeter. Oh Gott, noch drei Viertel übrig. Und ich schon platt, so platt. Mutlos stapfe ich hinaus in die Hitze von Grenchen –CUT-

46 Grad zeigt mein Tacho.

Brunnen, wir brauchen Brunnen. Und noch ein Brunnen. Und mehr Wasser.

 

 

 

 

 

 

 

Oben auf dem Chasseral hat es immer noch 26 Grad. Keine Ahnung, wie ich die Mineralien wieder zurück ins System bekommen kann. Die Aussicht ist auch diesig und überhaupt sieht man ringsum nur Wolkenfronten und Gewitterandrohungen. Ich schalte auf Autisti-Mode und kurble stur bergauf und bergab. –CUT-

Und dann hat er noch dieses Loch im Universum irgendwie gefunden. „La Goule“ ein fantastisch versteckter Übergang über den Doubs. Eingeleitet mit einer holprigen, langen Abfahrt auf einem Felsensträßchen. Wären wir nicht so vorsichtig unterwegs, der gute Urban wäre wohl tatsächlich in einer Felsenkurve vom einzigen Auto auf der ganzen Abfahrt abgeräumt worden. Boooaaaah. Erst mal anhalten, durchschnaufen und ein paar Beruhigungsfotos geschossen. Unten ist  tatsächlich eine Kneipe und eine verrottete Brücke führt zu einem Ho-Tschi-Minh-Pfad, den man nur mit extrem viel gutem Willen als asphaltiert klassifizieren kann. Ich habe keinen guten Willen, verfluche meinen Streckenchef und Partner  saftig und schiebe halt mal wieder ein paar Meter hoch. –CUT-

Laaaange Abfahrt. Wir jauchzen. St. Hippolyte. Vierundzwanzig Stunden vorbei.  Erst 300 km geschafft . Aber schon 8.000 hm. Das sollte mehr als die halbe Miete sein. Es sollte jetzt auch flacher werden. Mir kommt es aber eher hüglig vor. Ich fange an zu schielen und sehe überall Leute im Schatten. Urban auch. Wir beschließen in einem Brunnenhaus zwei Stunden zu schlafen. Bei ihm klappt das offensichtlich bestens . Ich habe Krämpfe an so lustigen Stellen wie Rippenbogen und Oberarmen. Also kein Schlaf. Nach knappen zwei Stunden muss ich aufstehen und weiter. –CUT-

 

 

 

 

Fettes Gewitter direkt über uns. Wir flüchten in einen Wald. Ich will mich auf den Boden werfen und wegratzen. Ich traue mich nicht. Es sieht alles so stachelig aus. Und nass. Patschnass. 5 Kilometer weiter finden wir in einer offenen Garage Unterschlupf und dösen noch etwas. –CUT-

In Lure gibt es einen Bahnhof. Wenn wir in den Vogesen ins Gewitter geraten, steige ich aus. Ich lote mit Urban die Möglichkeiten aus. Er macht das perfekt. Versucht nicht, mich zu manipulieren, drängt mich nicht. Überredet nicht. Muss er auch nicht, ich will schließlich ankommen. Brauche nur etwas Zuspruch. Wir einigen uns auf eine Salamitaktik, immer nach jedem Pass mit einer Option zum Ausstieg. Nicht so sehr die Erschöpfung macht mir zu schaffen, viel mehr meine Urangst vor Gewittern. Ich sollte noch viel Gelegenheit bekommen, diese zu therapieren. –CUT-

Fettiges Frühstück irgendwo in der Wallachei und schon sind wir mitten im Anstieg zum Ballon de Servance. Mann, bin ich gut drauf. Ich singe und quatsche Urban voll. Überhole und mache mich wichtig. Als die Rampen vorbei sind, ist auch mein Schub vorbei und ich gurke wieder demütig hinter dem Meister drein. –CUT-

Auf dem Weg zum Ballon d‘ Alsace – einer sehr schön zu fahrenden Straße eigentlich – muss ich mehrmals anhalten und Sekundenschläfchen halten, sonst fahre ich in den Graben. Oben MUSS ich was essen – kann aber nicht. Lieber St. Belchen, warum immer nur in solchen Momenten und nicht in den restlichen 360 Tagen, die mich so fett werden lassen????? –CUT-

Grand Ballon auf Schleichwegen. Längster Anstieg, lange Steilstücke, beängstigende Vorbesprechung. Pah, trotz großer Schwüle viel gefahren und die richtig fiesen Stücke einfach geschoben.

Nach zwei Stunden ist der Hügel auch Geschichte. Oben sehen wir überall Gewitterfronten und nehmen das teilnahmslos hin. Wir haben schließlich nur noch zwei Pässe und knappe hundert Kilometer vor uns. Quasi daheim also schon. –CUT-

Der Petit Ballon ist landschaftlich der absolute Hammer. Der Anstieg so simpel und flach, dass er sich endlos hinzieht und unsere Geduld restlos überfordert. W I R  W O L L E N   H E I M. Auf mehreren flachen Stücken schiebe ich aus Trotz und Langeweile und weil die Beine mal was anderes machen wollen. Aber den guten Käse oben auf der Ferme kauft Urban und wir freuen uns darauf, unsere Damen mit einem kleinen Mitbringsel überraschen zu können. –CUT-

Wasser, ich will Wasser. Alles ist alle. Und ich hänge hier im letzten Buckel der Tour, das Gewitter murmelt über mir und tränkt die Luft mit Feuchtigkeit. Diese letzten 300 Höhenmeter sind endlos. Urban hat noch Wasser, kann aber mein leises Röcheln nicht hören, da er schon etwas weiter oben ist. Am Passschild überlässt er mir bereitwillig seinen Vorrat und ich exe alles runter. Überlebt! Bis auf den Gegenanstieg, der uns auf zwei Kilometern die allerletzte Substanz raussaugt. Dachten wir! –CUT-

Als wir die Schluss-Serpentine nach Gueberschwihr hinunterrollen, passiert zweierlei: die Sonne geht endgültig unter und wir werden mit lautem Donnergrollen und Blitzen empfangen. Die komplette helle Zeit des Tages hatten wir für die Tour durch die Vogesen gebraucht. Jetzt stand nur noch die zweistündige Tour d’Honneur durch die Rheinebene an. Pfeifendeckel! –CUT-

Feuerwehrsirenen, Blaulichter, abgesperrte Straßen.

Unterstehen, weil sich der Autor in seiner kindischen Angst weigert, von Blitzen auf freiem Feld geröstet zu werden. Lustige Unterhaltungen mit netten und ungläubigen Feuerwehrmännern. Bibbern. Zähneklappern.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich unterhalte mich lange mit meinem verstorbenen Vater. Vielleicht sehe ich ihn ja schon in den nächsten Sekunden wieder. Wir sauen noch den MC Donalds in Breisach ein und werden dafür mit Sodbrennen bestraft. –CUT-

Freiburg!!!!!!! Der endlose Regen hat am Dreisamradweg ein Ende. Ich schaffe es kaum noch mein  Beweisphoto am Martinstor zu machen. Meine linke Hand ist vom Bremsen so ramponiert, dass ich sie kaum noch gebrauchen kann. Weder zum Schalten noch zum Öffnen von Dosen oder Tuben. Auch zum Knipsen nicht. Aber irgendwie klappt das schließlich auch noch. Geschafft. Durch. Fertig. Finito. FINISHER. Mit einem Finale furioso, das den urtümlich brachialen Charakter dieses Gewaltaktes perfekt unterstreicht. –CUT-

Am nächsten Tag diskutieren Urban und sich schon wieder angeregt über eine „touristische“ Version dieser Tour. Wir sind völlig bescheuert. Aber auch ziemlich glücklich.

Danke, Urban. Danke Belchen.