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15.06.16 16:09 Alter: 1 year
Von: Andreas Herrmann

Jura total - Analyse einer Jungfernfahrt


„Aber so ist das nun mal mit Jungfern – die lernt man erst später so richtig kennen“

Urban - der Streckenchef der Breisgauer Brevetveranstalter - ist ein hingebungsvoller, akribischer und verantwortungsvoller Planer. Definitiv keiner, der einfach mal was ausprobiert. Bevor eine neue Route für die leidensbereite „Kundschaft“ freigegeben wird, werden die Teilstrecken, oft mehrmals, abgefahren und optimiert. So natürlich auch beim neuen 600-Kilometer-Brevet, das noch mehr Jura-Schönheit für die Randonneursszene erfahrbar machen sollte.

Am Stück gefahren war diesen Brocken im Vorfeld allerdings noch niemand. Ein Detail, das für den Großteil der Starter den Reiz  natürlich noch erhöhte. So konnte man im Vorfeld keine kompetente Einschätzung des Schwierigkeitsgrades im Vergleich zum bestens bekannten, heißgeliebten Vorgänger-Brevet einholen. Die angegebenen 6.600 Höhenmeter waren zwar 10% mehr als bisher, diese sollten dafür aber gleichmäßiger verteilt und daher einfacher zu bewältigen sein.                   

„Selberradeln macht schlau“ dachten sich ursprünglich mehr als sechzig Angemeldete, von denen dann lediglich zwei Dutzend am Samstagmorgen zur Abfahrt bereit standen. Übermäßiges Studium von Wetterprognosen schwächt offensichtlich den Durchhaltewillen und verändert die Wahrnehmung der Umwelt. Jedenfalls konnte das Abenteuer bei trockenem Wetter gestartet werden und erst nach mehr als 160 Kilometern auf dem Sattel war erstmals etwas auffrischende Feuchtigkeit zu verzeichnen. Das Wetter hatte sicherlich den geringsten Anteil daran, dass sich das  Brevet als knüppelhart erweisen sollte.

Schon das zügige Durchfahren des Sundgaus offenbarte den typischen Charakter dieser Strecke: eine Ansammlung von Hügeln, Buckeln, Rampen, Senken, Wellen und sonstigem garstigem Zeugs stellte sich den tapferen Pedaleuren in den Weg. Nachdem der überraschend steile Aufstieg auf den Hügelkamm bei Delémont geschafft war, würzten traumhafte Ausblicke und ein grobschottriger Streckenabschnitt von knapp 2km die Kurbelei. Ein ständiges Auf-Und-Ab, gelegentlich unterbrochen durch verschlafene Dörfer und rumplige Kleinststräßchen führte uns schließlich zum Dach der Tour bei Kilomter 179: La Vue des Alpes, der größten Marketinglüge der Schweiz. Denn eine Alpensicht bekamen wir auch beim mittlerweile fünften Besuch dieses Passes nicht geboten.

 

Bis hierher hatte ich den zurückgelegten Weg innerlich als „Belchen Satt für Arme“ eingestuft. Zick-Zack-Profil, kein merklicher Raumgewinn und man erschöpft sich an kleinen und kleinsten Wellen. Die landschaftliche Schönheit der „alten“ Strecke wurde allerdings bis hierher nochmals deutlich getoppt.

 

Und nun haute uns ein Natur-Höhepunkt nach dem anderen schier aus den Klickpedalen. Der malerische Talabschluß des Vallée de La Sagne – mindestens so schön wie die Almen im Allgäu. Das felsumrahmte und sonnenüberflutete Tal der Areuse. Der Lac de Joux in der späten Dämmerung. 100 Kilometer, garniert mit reichlich 2.000 Höhenmetern auf verkehrsarmen Nebenstraßen und sacksteilen Pässen.

Um Mitternacht in Mouthe hatten wir die Hälfte der Strecke absolviert, aber schon über 4.000 Meter Höhendifferenz hinter uns. Wir waren natürlich müde, aber bester Dinge, denn bisher führte unsere Route wundersamerweise immer um die tiefschwarzen Regengebiete herum, so dass wir insgesamt weniger als eine Stunde im Regen verbringen mussten. 

 

Vor uns lagen laut Höhenprofil 40 Kilometer abschüssige Strecke, lediglich unterbrochen von ein paar kurzen Gegenanstiegen. Wie doch so ein Profil täuschen kann! Gefühlt ging es mehr aufwärts als abwärts. Ein Hügel jagte den nächsten. Noch ein Schnapper und noch eine Wuppe. Es nahm einfach kein Ende. Dazu kam jetzt stärkerer Regen und das Ganze kulminierte in einer finalen Talabfahrt auf einer kuhfladenverschmierten Dritte-Welt-Straße nach Salins-les-Bains

In diesem malerischen Römerbad war es deutlich wärmer und trockener als auf den Hochflächen des Juras. Zeit für ein kleines Reflektionspäuschen. Bei der „alten“ Runde passiert man Salins nach ziemlich genau der gleichen Streckenlänge. Noch nie fühlte ich mich auf meinen bisherigen vier Durchfahrten so am Limit. Das Gehügel war also bisher eindeutig anstrengender als die drei langen Pässe der Traditionsstrecke. Und es sollte noch weitaus heftiger werden…

Nach einer längeren, leicht ansteigenden Passage mit rasanter Abfahrt  erreichten wir mitten in der Nacht die Kontrollstelle im Flecken Myon, wo wir auf den Strecken-Obmann himself trafen. Urban hatte ein Nickerchen gemacht und war wieder taufrisch. So führte er uns über das nächste halbe Dutzend Buckel in den Sonnenaufgang nach Ornans, einem zauberhaften Städtchen an den Gestaden der Loue. Wir hatten auf den letzten Kilometern schon etliche schlafende Randonneure bemerkt und verabschiedeten uns von Urban, um in einem Buswartehäuschen auch eine kurze Auszeit zu nehmen, stand doch die Auffahrt durch die Schlucht der Loue bevor, einem absoluten Highlight für Freunde des ambitionierten Straßenbaus.

 

Der wirklich nicht sehr schwierige, aber lange Anstieg fühlte sich an wie Kaugummi auf Sommerasphalt. Dazu kam der dauernde Nieselregen, der zwar eine tolle neblige Stimmung in die Schlucht zauberte, aber den ungetrübten Blick oder Photoaufnahmen doch erheblich störte.

 

 

Nach einem letzten ehrfurchtsvollen Blick hunderte Meter hinunter in das Fels-Amphitheater der Loue verliessen wir die Schlucht und kämpften uns zurück auf die Wanderdünen der Hochebene.

 

 

Die starke körperliche Müdigkeit wurde noch übertroffen von der mentalen Erschöpfung, denn auch hier war an gleichmäßiges Fahren nicht zu denken. Ständig rollte wieder eine Welle auf einen zu. Und noch eine. Und noch eine.

Zwei extrabrutalen Kaffees und mehreren süßen Stückchen vom Bäcker ist es zu verdanken, dass wir bei der anschliessenden, endlich, endlich, hügelfreien Abfahrt nach St. Hippolyte nicht vom Radel gekippt sind. In dieser Ecke des Juras muss man sich wirklich bei jedem geöffneten Laden Gedanken um seine Verpflegungslage machen. Es könnte die letzte Futterstelle für viele Stunden sein. In der Schweiz stehen an den winzigen Bahnhöfen der Kontrollorte wenigstens Automaten, die Cola und Snickers ausspucken – vorausgesetzt, man hat ausreichend schweizer Hartgeld dabei.

Schnell noch eine Orangina am Dorfplatz geschlürft und los ging es zu den finalen 140 Kilometern, die ausser einem steilen Anstieg aus dem Tal des Doubs heraus und ein paar kleineren Hügelchen nicht mehr viel Ungemach bereithalten sollten. Weit gefehlt, natürlich wieder einmal. Die Kletterei aus dem Dörfchen Vaufrey heraus war brachial. Nach 30 Stunden fressen sich zweistellige Steigungen halt nochmals ganz anders in die Muskulatur als bei einer Tagestour. Fast müßig zu erwähnen, dass sich die anschliessende Hügelei wieder endlos hinzog.

 Als unsere Geduld endgültig überstrapaziert war, entlud sie sich aber nicht in Wut, sondern in kompletter Resignation. Wir waren „durch“. Endgültig. Wäre das Stilfser Joch im Weg gestanden, wir wären da kommentarlos hochgefahren. Aber, oh Wunder, als nächstes kam weder ein Drecksbuckel noch ein Alpenpaß, sondern der heiß herbeigesehnte Kanalradweg, der uns hügelfrei nach Mulhouse und dann weiter nach Freiburg bringen sollte. Und Rückenwind. So unglaublich leicht fühlten sich die letzten 85 Kilometer eines 600ers noch nie an.  Natürlich schmerzten der Popo und die Füße. Das machen sie am Ende jedes längeren Brevets. Das Hauptproblem aber waren meine Hände und Unterarme. Vom Bremsen und Am-Lenker-Reissen hatte ich große Schmerzen und konnte am Schluß keine vernünftige Griffhaltung mehr finden. Aber trotz alledem: verglichen mit dem Gegurke im Jura fühlten sich die letzten Stunden der Heimfahrt an wie eine Genußtour.

 

Im Ziel-Lokal Augustiner tummelten sich schon ein paar Mitstreiter und kaum saßen wir am Tisch, entspann sich eine lebhafte Unterhaltung über den Schwierigkeitsgrad des gerade Genossenen.

 

 

Meine persönliche Einschätzung deckt sich mit dem Großteil der bislang gehörten Meinungen, deshalb im folgenden der Versuch einer kurzen Zusammenfassung:

  • Diese Tour ist die Schwarze Piste unter den 600ern. Nur für Geübte zu empfehlen. 
  • Klar schwerer als die bisherige Strecke.
  • Obwohl schwer vorstellbar, landschaftlich noch großartiger als die anderen Jura Brevets. Die beiden Täler der Areuse und der Loue sind echte Höhepunkte.
  • Tausend Hügel sind viel schlimmer als zehn richtige Pässe. Das unrhythmische Fahren erschöpft ungemein
  • So viel gegessen habe ich noch nie bei einem Brevet. Erstens, weil man nie wusste, wann man nochmal was kriegt und zweitens:  es war bitter nötig
  • Diese Strecke kommt vom Feeling her an die Super-Randonnée „Belchen Satt“ heran. Wer mit diesem 600er Probleme hat, sollte sich von „Belchen Satt“ fern halten.
  • Urban hat mit seiner Feststellung absolut recht: „Aber so ist das halt mal mit Jungfern – die lernt man erst später so richtig kennen“.

 

Ganz herzlichen Dank an meinen Mitfahrer Tobit, der genau die richtige Mischung aus männlichem Schweigen, geduldigem Zuhören und interessantem Erzählen traf. Zu zweit leidet es sich einfach schöner!

 

Walter und Urban, danke für Eure Begeisterung, Eure Umsicht und Eure Zeit.
Lasst diese Strecke weiterbestehen. Sie verdient es. Eine geeignete Organisationsform werdet Ihr sicher finden.

Leidenschaft schlägt alles.

 

Andreas Herrmann

 

Bilder: Andreas Herrmann + Urban Hilpert (4,8,9,10,11)