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07.06.16 03:42 Alter: 1 year
Von: Christoph Molz

Lonesome Rider - Bericht vom 400er Bodensee-Brevet


Heute bin ich ohne Christina, die mich sonst stets begleitet, im Augustiner. Sie hat einen Termin. Mal was neues: zum ersten Mal werde ich alleine starten und sehen, was sich ergibt. Den 200er hatten wir wegen der schlechten Wetterprognose ausgelassen, beim 300er waren wir frühzeitig umgekehrt, da Christina mal wieder Magenprobleme bekommen hatte, und es ihr so schlecht ging, dass ich mit umdrehen musste. Jetzt bin ich gespannt, wie ich durchkomme, praktisch ohne vorheriges Langstreckentraining. Die Wetterprognose ist wieder nicht berauschend, aber auch nicht ganz schlecht.

Ca. 50 Teilnehmer machen sich um 8 Uhr auf den langen Weg durch den Schwarzwald; 25 sind nicht erschienen! Das Wetter im Dreisamtal ist recht gut. Der Pulk, in dem ich mitfahre, löst sich erwartungsgemäß nach der Abzweigung zum Spirzen auf, und ich bin ziemlich schnell Schlusslicht. Allerdings kommt immer mal wieder einer von hinten auf mich aufgefahren. Als Walter und Urban locker an mir vorbeikurbeln, gehe ich davon aus, dass ich jetzt letzter bin, was mich nicht weiter stört, denn ich bin mit fast 60 Jahren sicher einer der ältesten. Im Steilstück überholt mich allerdings tatsächlich noch einer. Am Thurner mache ich eine kurze Photopause und betrachte die Wettersituation: es sieht nicht besonders gut aus: fast überall ist der Himmel dunkel. Bei der Weiterfahrt registriere ich, dass Urban die Strecke geändert hat. Es geht bergab nach Waldau, und ich ahne schlimmes: der wird doch wohl nicht….Doch, es geht links ab auf eine mir bekannte bösartige Variante mit zwei zwar kurzen, aber extrem steilen Rampen, die ich nur mit Mühe durchdrücken kann. Danach beschwert sich meine Beinmuskulatur zum ersten Mal. Oben angekommen, lasse ich es erst mal locker rollen. Die lange und schöne Abfahrt nach Bräunlingen entschädigt dann doch etwas für die Mühen beim Aufstieg. Am Kontrollposten schiebe ich mir ein Schokocroissant rein. Als ich fertig bin, kommt Albrecht , den ich beim Fleche Allemagne 2014 kennengelernt hatte, um die Ecke. Wir waren dort in der Gruppe von Werner gefahren. Ein kurzes Gespräch: es sind doch noch welche hintendran. Ich fahre weiter Richtung Schaffhausen. Diesmal gibt es keine weiteren Varianten mehr, aber dafür etwas Regen. Der hält sich jedoch in Grenzen. Dafür ist die Straße nass, so dass ich sehr schnell nasse Füße bekomme. Ich ziehe mich um. Wellig geht es nach Schaffhausen, und ich frage mich zum ersten Mal, was ich hier eigentlich mache. Eine Frage, die ich mir noch öfter stellen werde: wenn man alleine fährt, hat man mehr Zeit zum Nachdenken. Ich habe den Kommentar eines älteren Randonneurs beim vorherigen 400er im Ohr: ich glaube, ich bin zu alt für sowas. Dann allerdings fällt mir Friedhelm ein, ein Hamburger, der im letzten Jahr mit 85 Jahren bei Paris-Brest-Paris gestartet ist! OK, zu alt bin ich also noch nicht. Ich fahre erstmal weiter; es gibt ja unterwegs noch genug Optionen, umzukehren, abzukürzen oder zu übernachten. In Schaffhausen halte ich mich nicht lange auf. Der Rhein hat viel Wasser, so dass der Rheinfall sehr imposant daherkommt. Im Ort grüße ich noch einen Mitfahrer, der etwas länger Pause macht. Er fährt dann bald danach wieder auf mich auf, und wir fahren bis Konstanz gemeinsam weiter. Das Wetter wird zusehens besser, und irgendwann warm und sonnig! Am Bodensee und treffen wir in einer Gartenwirtschaft einen weiteren Mitfahrer, der mich mit Namen anspricht und sagt: du bist doch immer mit Christina unterwegs! Ok, scheint ein Markenzeichen von uns zu sein…Er heißt Philipp, mein anderer Mitfahrer Micha. Wir machen Pause, und ich esse ein Döner. Da nach 20 Minuten die beiden anderen keine Anstalten machen, weiterzufahren und Philipp noch den Teller voll hat, mache ich mich alleine auf den Weg, denn ich will so viel wie möglich im Hellen fahren. Die Strecke führt durch den Hegau, und das Wetter ist jetzt supergut! Freude kommt auf: leicht bewölkter Himmel, wunderschöne Landschaft, es rollt gut! Im Vorfeld hatte ich noch recherchiert, dass man von Eigeltingen bei km192 noch relativ gut abkürzen könnte, verschwende jetzt aber keinen Gedanken daran. Nach einer superschönen Abfahrt ins Donautal bis Beuron esse ich im Hotel Pelikan nur schnell einen Apfelstrudel und trinke was. Als ich fast fertig bin, kommt Albrecht um die Ecke mit den Worten: “ du entkommst mir nicht“. Ok, ich fahre trotzdem g leich weiter…Die 35 km nach Balingen hatte ich immer als besonders lang und zäh in Erinnerung. Diesmal läuft es allerdings sehr gut. In der Dämmerung erreiche ich die Stadt und stehe vor zwei Schnellstraßenschildern, die signalisieren, dass es für Radfahrer nicht weitergeht. Nach längerem Umherirren und Suchen des Radwegs fahre ich nach Orientierung und frage mich zum Zentrum durch. Dadurch verpasse ich den McDonalds, wo ich bisher immer was gegessen hatte. Zum Glück habe ich genug Verpflegung dabei. Es ist jetzt dunkel, und hinter mir sehe ich Wetterleuchten. Vor mir bleibt es momentan ruhig. Vor Binsdorf fahre ich auf einen Radweg, der zu einem Umweg wird. Er führt mitten durch den Wald und eine sehr steile Rampe hoch. Ich ärgere mich über mich selbst und habe Mühe, den Ort zu finden. Es geht anscheinend nie ohne zumindest einmal verfahren ab! Kurz vor dem letzten Anstieg nach Freudenstadt komme ich in ein Gewitter. Ein Garagenvordach bietet Schutz, und ich ziehe mich mal wieder um. Es ist fast stockfinster. Langsam nähert sich eine Gruppe Leute, von der Stimmlage her Mädels, welche die Straße hochgehen, anscheinend etwas angeheitert. Ob die mich wohl sehen? Ich höre die Worte:“ Sitzt da nicht einer?“ „Ja, da sitzt einer“, antworte ich aus dem Dunkel heraus. „Wo willst du denn hin“ – „Nach Freudenstadt“ (das ich noch weiter will, verschweige ich, sonst halten sie mich für völlig verrückt) –„ Dein Fahrrad steht aber in der falschen Richtung, es geht bergauf“ – „Das weiss ich“ – „Wir feiern den Aufstieg der ersten Mannschaft da vorne in der Kneipe, du kannst ja gerne mitkommen“. – „Nee, ich muss weiter“(Mist!) – „Ok, gute Fahrt“. Ob sie mich wohl eingeladen hätten, wenn sie gesehen hätten, dass ich ihr Vater sein könnte?

Der Regen lässt nach, und ich fahre weiter. Aus der Kneipe ertönt Gesang und Lärm. Dann habe ich wieder die Stille der Nacht für mich, ab und zu durchbrochen von einem Auto. In irgendeinem Kaff stehe ich dann nochmal an einer Kreuzung und weiß nicht weiter. Zum Glück finde ich nach kurzer Suche tatsächlich noch Menschen an einem Auto, die mir den Weg weisen, sonst hätte ich ein Problem. Gegen 2 Uhr erreiche ich Freudenstadt. Mein Zeitplan ist durch das Verfahren und den Regen vollkommen durcheinander gekommen: ich wollte zwischen 5 und 6 Uhr daheim sein. Aber egal. Ich mache eine etwas längere Pause, und freue mich auf die lange Abfahrt nach Wolfach. Die Freude verfliegt rasch, als es wieder zu Regnen anfängt, dieses Mal kräftig! Ich suche Schutz in einem Bushäuschen und warte. Der Regen lässt etwas nach, hört aber nicht auf. Vorsichtig fahre ich weiter bergab, denn die Regentropfen auf meiner Brille und natürlich die Dunkelheit erschweren die Sicht erheblich. Die Abfahrt nach Wolfach zieht sich dadurch ewig hin. Inzwischen lasse ich mir allerdings auch bewusst Zeit, damit ich die steile Abfahrt vom Landwassereck im Hellen fahren kann. Kein Problem, schon am Aufstieg ist es dämmerig. Früher habe ich zusammen mit Christina die steilen Passagen geschoben, mit meiner neuen Übersetzung versuche ich, hochzufahren, und das klappt auch! Ich weiß, dass es jetzt bis Freiburg praktisch nur bergab geht, trotzdem kommt Müdigkeit auf. Ich muss noch dreimal eine kurze Pause machen, die letzte in Gundelfingen! Punkt 8 Uhr erreiche ich das Augustiner und stemple ab .

Alleine gehts auch, man hat allerdings mehr Zeit, darüber nachzudenken, was man hier eigentlich tut und für was. Auf der anderen Seite kann man fahren oder anhalten, ohne auf andere Rücksicht zu nehmen. Hat auch was. Der 600er muss ich auslassen wegen eines wichtigen Termins.