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07.05.11 00:03 Alter: 7 yrs
Von: Urban Hilpert

Unentschieden


Uns Badnern wird ein gewisser Nationalstolz nachgesagt und wenn dieser zudem noch mit einer genetisch bedingten Hotzenwälder Sturheit gepaart ist wie in meinem Fall kann dies manchmal fatale Folgen haben. Als Mitorganisator von Brevets, die mittlerweise Radler und Spinner (engl.: to spin = herumwirbeln, schnell drehen) im Einzugsbereich von Wien über Bern hinaus bis hoch nach Berlin anziehen, ist man natürlich schon bemüht, diesen Nationalstolz etwas in den Hintergrund zu stellen und nicht allzu sehr raushängen zu lassen. Dass Baden nun mal die schönste Ecke auf diesem Globus ist – diese Erkenntnis wollen wir natürlich schon Allen mit aller Gewalt auf die Nase binden– aber darin sollte sich das Thema Nationalstolz im Zusammenhang mit Brevets auch erschöpfen.

Nur wer einen Badner in seinem Nationalstolz auch nur entfernt angreift und provoziert, wird ganz schnell feststellen müssen wie eng die Grenzen der sprichwörtlichen Badner Gemütlichkeit und Leutseligkeit gezogen sind. Wenn z.B. ein gebürtiger Allgäuer zu behaupten wagt, er verstehe was vom Wein reicht das schon aus, dass sich seine Nackenhaare aufstellen. „Woher willst denn Du was vom Wein verstehen?“ fragt er dann mit schon leichtem Biss in der Stimme. Die Antwort: „Natürlich kenn ich mich mit Wein aus, schließlich wohn ich doch schon seit Jahrzehnten im Schwäbischen“.

Eigentlich würde diese Antwort ausreichen, jeden normalen Badner komplett verstummen zu lassen und sich mit Grausen abzuwenden, aber in meinem speziellen Fall an diesem speziellen Tag ergab es sich anders.

Mein Verhältnis zum Allgäu ist schon seit Jahren durch den Entschluss einer urwüchsigen Allgäuerin ins Badnerland zu ziehen (wer könnte es Ihr auch verdenken?) und die sich daraus ergebende Lebenspartnerschaft geprägt und belastet. Diese nie versiegende Rivalität und immer wieder auflodernde Auseinandersetzungen die Ihren Ursprung in durchaus übertriebener Heimatverbundenheit haben, werden wohl mein Leben weiterhin bestimmen, begleiten und bereichern.

TSG Leutkirch hatte ich schon auf den ersten Kilometern Richtung Turner am Hinterrad kleben und wie es in der Natur des Allgäu liegt, können die Jungs durchaus mit Bergen umgehen – auch mit den Unsrigen. Einzig die schon legendär gewordene, mehrjährige und wieder taktisch klug in die Strecke eingebaute Baustelle in Wolterdingen und einige scharfkantige Schottersteine aus meiner ursprünglichen Heimaterde sorgten dafür, dass sich das Thema Allgäu erst mal erledigt hatte. Wenn sich Schwaben oder Dänen, die es in die Schweiz verschlagen hat, mit abgefahrenen Leichtbaureifen nach Wolterdingen wagen, sollten sie wahrlich nicht die Organisatoren und Planer der Strecke für die Folgen verantwortlich machen. Mein aufgezogener Reifen jedenfalls hat extra Pannenschutz. Dies als kleiner Ausrüstungstipp am Rande.

Die folgenden dreihundertfünfzig Kilometer absolvierte ich für meine Verhältnisse bravourös mit vielfach wechselnden Mitstreitern und mit Hilfe einer fantastisch gut eingespielten und bärenstarken Truppe zum Schluss unter traumhaften Bedingungen. Mein Ziel, die Runde vollkommen im „grünen Bereich“ zu fahren, verfehlte ich allerdings komplett. Ich war vollkommen leer und plattgefahren, als ich im Augustiner eintraf, ich zitterte auf Grund von Überanstrengung vor Kälte und Energiemangel und brauchte bestimmt eineinhalb Stunden um einen Teller Spaghetti in meinen verkrampften Magen zu drücken. Zur Verblüffung von Alex, dem kernigen, aus Frankreich stammenden Kellner trank ich dazu erst mal zwei alkoholfreie Weizen und probierte es daraufhin mit einem Radler zum Einstieg.

So war dann wenigstens mein Flüssigkeitshaushalt einigermaßen im grünen Bereich, als das Allgäu eintraf – die fingen natürlich gleich mal mit richtigem Bier an – diese Tatsache allein reichte um meinem Hotzenwälder Stolz einen kleinen Stich zu versetzen.

Mein lieber Freund Walter, übrigens ebenfalls ein recht gut in Baden integrierter Allgäuer aus Leutkirch mit Wangener Seele, wie er mir vor kurzem gestand, hatte mich schon seit längerem im Stich gelassen und war in Richtung seiner Wahlheimat aufgebrochen. Ich bin mir letztendlich auch nicht zu 100% sicher, auf welche Seite er sich schlussendlich geschlagen hätte. Blut soll ja dicker sein, als Andechser, sagt man ja…

TSG Leutkirch in Form von zwei Mann und der oben erwähnte schwäbische Önologe aus Wangen, - auf der anderen Seite nur ein Badner, umrahmt von einigen Schweizern, die sich natürlich in Neutralität und vornehmer Zurückhaltung übten. Zumindest stellten Sie mir in Aussicht, es in vierzehn Tagen vielleicht mal mit einem richtigen Bier aufnehmen zu wollen.

Das ungleiche Zahlenverhältnis versuchte ich durch die Wahl der Waffen auszugleichen:

Andechser Doppelbock.

Drei Böcke mussten von mir geleert werden, bis der Altusrieder endlich anerkennend und doch noch etwas von oben herab bemerkte: „Du, ich muss dann doch feststellen, dass Ihr ganz normale Leut´ seid, die ab und an auch mal ein Bier trinken können“. Das ohnehin nicht sehr dicke Eis zwischen uns war nun endgültig gebrochen und weggespült.

Als dann der „Augustiner“ nach sensationell langer Öffnungszeit –nochmals ganz großen Dank an das gesamte Team !! – seine Tore schloss, wurde beschlossen, die neue Freundschaft an der Shell-Tankstelle gegenüber endgültig zu besiegeln. Es gelang mir irgendwie nicht, meinen rechten Fuß in das Pedal einzuklicken. Da das Pedal nagelneu ist, scheidet ein technischer Defekt wohl aus.

Als ich rollerfahrend die Straßenbahnschienen überwunden hatte, warteten meine neuen Freunde schon mit einem Sixpack „Tannenzäpfle“, den wir seiner Bestimmung zuführten. Längst schon war alle landsmannschaftliche und sonstige Rivalität geschwunden und wir schwelgten in bierseliger Verbundenheit.

Die Vögel hatten schon zu brüllen begonnen und der neue Tag war angebrochen, als sich TSG Leutkirch auf den Weg nach Hause machte. Wir übrigen stellten uns gerade auf die Beine, als sich ein Trupp junger, heimkehrender Partygäste zu uns gesellte. „Gehört Ihr auch dazu, wie viele Kilometer seid Ihr denn gefahren?“ fragten Sie uns. „Vierhundert“. „Mann, dann stimmt das ja, was uns die anderen Zwei Spinner da oben erzählt haben!“

Voller Bewunderung gratulierte uns jeder einzelne mit „Shake Hands“. Das ging uns natürlich runter wie ein Zäpfle. Wie sie uns die Story glauben konnten, ist mir ein vollkommenes Rätsel. Wahrscheinlich hatten sie die Hellsichtigkeit und das Gottvertrauen von Angeheiterten, oder wir sahen doch tatsächlich immer noch aus wie echte Sportsmänner…

Ich begleitete meinen letzten Mitstreiter noch zum Campingplatz und machte mich auf den Heimweg. Die Sonne hatte es inzwischen schon geschafft, die Morgenkühle aufzulösen, als ich endlich in mein Bett fand.

Ein traumhaftes, herrliches Brevet, mit vielen tollen Begegnungen, neuen Bekanntschaften, und zünftigem Ausklang, den ich so schnell nicht vergessen werde.