kontakt  |  sitemap  |  impressum
Sie sind hier: ARA Breisgau / Berichte
10.05.16 08:34 Alter: 1 year
Von: Irene Greiner

Von Kröten, Nachtigallen und nächtlichen Kleiderspenden


Bisschen mulmig war mir ja schon, als Rennrad-Frischling gleich mit einem Brevet einzusteigen. Seit dem Winter bin ich regelmäßig am Wochenende gefahren, auch mehrere Touren um die 100 km. Sauwetter kann ich seitdem!

Dass ich auf der Suche nach einem Einsteiger-Brevet mit wenigen Höhenmetern nicht bei den Freiburgern hängen geblieben bin, versteht sich, denke ich... Also ab in die Schweiz, Bodensee-Brevet mit nur 960 Hm. Wunderbar, neue Erkenntnis: Ein Rentnerritzel muss ran, altersentsprechend für eine "Fast-Mitt-Fuffzicherin". Keine Woche später ist es montiert, nochmal eine Woche später läuft der Test bei den viel gelobten Freiburger Höhenmetern des Breisgau-Brevet I. Klappt auch. Seitdem schwirrt mir der 300er im Kopf herum. Vernunft ist oft ein schlechter Ratgeber, also angemeldet. Bei 20 Stunden Zeitlimit, Start 8 Uhr am Samstag, dürfen wir bis 4 Uhr Sonntag morgen ankommen, um noch gewertet zu werden, danach ist man raus.

Vorgenommen hatte ich mir, meinen Stiefel zu fahren, sprich: langsam und auf Reserve. Mit der Folge, dass ich praktisch die ganze Zeit allein unterwegs bin. Die Höhenmeter kommen ganz unauffällig unters Tretlager geschlichen und bringen sich so richtig erstmals auf dem letzten Stück zum Berghaus Oberbölchen ins Bewusstsein: Auf einmal ist mir hundedackel übel, Ross und Reiter zittern wie verrückt und ich muss aus den Pedalen, bevor die ganze Fuhre darnieder liegt. Also mehrere Hundert Meter geschoben bis zum schon leer geräuberten berühmten Nudel-Arsenal im Berggasthof, sehr hastig eine Cola genossen, danach geht es auch wieder besser. Oben angeschnauft, kippe ich über den schmalen Grat und will es gerade rollen lassen, als ein dezentes Pfeifen erklingt: Siehe da, die Bergluft wird um einen Schwung Reifenluft bereichert. Na klasse! Schlauch gewechselt, Bremse verstellt. Mist! Von Hand grob zurecht geruckt, geht wieder. Aber ich schaffe von Hand keine 8 Bar! Also fahre ich die nächsten Kilometer leicht schwammig und langsam weiter. Rettung im Gewand eines Radgeschäftes in Sichtweite, nix wie rein. "Tut mir Leid, wir schließen." Mein Endzeit-Röcheln "Luuuuft, bitte, bitte!" muss den netten Herrn mitleidig gestimmt haben und ruckzuck sind wieder 8 bar drin.

"Was sind das eigentlich für Typen, die da den ganzen Tag einer nach dem anderen mit Gepäck und so vorbei kommen? Gehören Sie dazu?" Jepp. Habe es ihm erklärt, er fand es ulkig bis toll, dem Gesichtsausdruck nach zu urteilen eher grenzwertig.

Bis zum Belchen ist das Wetter sehr gut, langsam wird die Atmosphäre aber bleiern und Ungemach kündigt sich an. Erste Tropfen. Da ich langsam bin, sollte ich in den vollen Genuss der Dusche von oben und unten kommen. Die ersten leichten Tropfen fallen, vielversprechend werden sie stärker, boah, das wird was ganz Großes, schwant mir (freundlich unterstützt vom Deutschen und Schweizer Wetterdienst). Bevor alle Schleusen öffnen, tune ich mich an einem Bushäuschen mit Überschuhen, 3/4-Regenhosen, Helm-Badehaube und langen Handschuhen, Regenjacke sowieso. Laufwarnweste drüber, zwei schön helle Rücklichter gleich für Dämmerung und Nacht. Es regnet von nun an durch bis zum Schluss!

Da mir klar ist, dass ich die ganze Freiburger Randonneursszene vor mir her treibe, war ebenso klar, dass ich die Zeit fahrenderweise ausnutzen muss. Schon beim Reifenwechsel geht fast eine halbe Stunde drauf, anschließend Langsam-Eiern, Plausch im Radladen. Irgend wo was futtern, Pause? I wo, das Buffet in Lenkertasche und Viscacha ist zwar nicht im Sinne einer natürlichen Ernährung, aber die fahrende Verpflegung wird unter Umständen kriegsentscheidend werden...

Beim Aufstieg bei Moutier nach Souboz bin ich soweit, dass der Blick nach oben grundsätzlich tabu ist, also brav das Haupt gesenkt - und in letzter Sekunde noch von einer Baustellenbake abgewendet! Ich hätte wirklich das Kunststück fertig gebracht, in den letzten Zügen bergauf einen Auffahrunfall mit einer Bake zu veranstalten!

Weiter also. "Stell Dich nicht so an, Du hast ein Rentnerritzel, das ist Kinderkram, mecker' nicht, fahr' gefälligst!" Funktioniert. Kontrollstelle 3 Souboz - wie war das? Wer es verpasst und von unten wieder nach oben zurück keuchen muss, wird die Kontrolle zuverlässig sehen. Von oben nicht unbedingt. Auf dem Plan steht Rue Centrale 12, rechte Seite, folglich habe ich die Hausnummern im Blick und drehe zusätzlich nach jedem Haus das verspannte Haupt nach rechts hinten. Gute Dehnübung für Nackenschmerzgeplagte. Der Stempel liegt da, Zeit ist auch noch, der Kuli will nicht. Egal, wird nachgetragen.

Hatte ich erwähnt, dass mein gerade neu erstandenes Garmin Edge erstens akkutechnisch schwach auf der Brust und zweitens mit einem üblen Wackelkontakt in der Einsteckbuchse für den Ersatzakku behaftet ist? Schon 10 km vor Souboz ist von jetzt auf dann das Display schwarz. Den Akku doch so einzustöpseln, dass wieder Strom da ist, scheitert kläglich. Ich gucke ebenso kläglich aus der Wäsche, also ab jetzt nach Roadbook...ohne Lesebrille...

Besonders hilfreich, kein Navi zu haben, ist es in Delémont. Meiner Meinung nach fehlt da ein Schild. Ich weiß nicht, wie lange ich gekreiselt bin, um wieder raus zu kommen. Wieder Zeit verloren. Den Vogel schieße ich bei Kembs ab. Alles ist stockdunkel. Richtung Fessenheim muss ich, klar, ich seh' nur nix, fahre zwei Mal in die falsche Richtung, wieder zurück, wieder gekreiselt. Auto mit Franzose drin angehalten, der nur lakonisch zeigt "Da lang, sind aber noch environ 30 km". Schluck. So ganz glaube ich das immer noch nicht, nächstes Auto, Deutscher drin. Der sagt genau dasselbe. Schon zwei gegen eine, also los! Unterwegs fällt mir auf, dass Nachtigallen die einzigen Vögel zu sein scheinen, die die ganze Nacht durchsingen. Wunderschön! Bisschen beobachtet kam ich mir manchmal vor: Kröte sitzt zur rechten, in Sekundenbruchteilen beim Vorbeifahren sehe ich, wie sie mich ansieht, den Kopf mit meinem Vorbeifahren wendet und mir nachguckt. Heerscharen an Regenwürmern - schön, wenn man Publikum hat!

Praktische Überlegungen holen mich ein. Für Männer kein Thema, für Frauen in Radhose, Regenhose, durchgefroren bis auf die alten Knochen, jede Lage klatschnass, mit Händen, die nicht mal mehr richtig schalten wollen, fast ein Ding der Unmöglichkeit: Ich muss mal! Naja, mehrmals. Uff, irgend wie schaffe ich auch das ...

Großer bastlerischer Coup nach wochenlanger Überlegung: Klebe das Lupinchen Piko, beste Stirnlampe wo gibt, an die Lenkertasche, dann kann das Licht von Rad zu Rad zu Tretroller (habe zwei...) wandern und es ist kein teurer Nabendynamo nötig. Allerdings kommt man an seine Grenzen, wenn auch noch dieser Akku im Elsass den Geist aufgibt, normaler Akkupack nicht kompatibel! Mist! Von hinten weiterhin illuminiert wie ein Weihnachtsbäumchen, von vorn eine Jammergestalt mit einer halbhellen Ersatzfunzel IN DER HAND! Ich hatte eine Vorrichtung für den Helm gebastelt, die ich aber hätte erst ranfriemeln müssen. Aber wie, mit den Eiszapfen? Es gelang mir erst an der 4. Kontrolle. Die Polizei hätte mich nicht erwischen dürfen.

Und wie ich so stoisch dahintrete "mit ohne" Frontlicht, klappernd, mit motzenden und verkrampften Knien und Aua-Nacken, kommen mir blöde Geschichten in den Sinn. Ein Bier hätte ich gern, wegen der Frische. Ich kann das Zuckerzeug in meiner Flasche nicht ertragen. Gestern noch beim Spaziergang an der alten Freiburger Brauerei vorbei zitierte mein in diesen Dingen unerschöpflicher Herr Gemahl eine alte Verordnung "Der Bürgermeister weist darauf hin, dass ab Dienstag nicht mehr in den Fluss geschissen werden darf, weil am Mittwoch Bier gebraut wird". Je tiefer bei solchen etwas ungewöhnlicheren Touren das gedankliche Niveau, desto besser geht es mir. Ich sitze bei strömendem Regen, Kälte, Gegenwind, als personifiziertes Wrack auf meinem Boliden, strampel ohne Erleuchtung und einigermaßen orientierungslos vor mich hin und lache mir den Allerwertesten ab wegen dieses Spruches!

Fessenheim, rechts rüber, Brücke, rüber, das Goldene M, rüber, allerdings in die Raststätte, in Personalunion Kontrollstelle 4. Und hier beginnt der schönste Teil des ganzen Abends bzw. Morgens: Fünf männliche Gestalten stehen vor der Tür. "Bonjour!" Ich will ja auch brav antworten, geht nur nicht, weil bei 2°C Oberkiefer und Unterkiefer sich verkeilen oder wahlweise sinnlos auf einander einschlagen. Ich stehe mit dem Rad am Eingang wie weiland Karl May's oller Mübarek mit seinen Klapperknochen! Nächster Kommentar: "Sie zittern ja, wollen Sie so noch weiterfahren?!?" "Ne, wollen nicht, aber müssen." "Bis wohin?" "Freiburg." Ich komme mir einigermaßen bekloppt vor. "Ojeee, möchten Sie einen Pullover von mir? Nee, im ernst, ich geb' Ihnen einen, hab' einen im Auto." Ich bin vollkommen perplex, freue mich ungemein, und sage wohlerzogen, dass das nicht nötig sei und ich jetzt erstmal ins Warme müsse. 

Rein in die gute Stube. Auf meine Frage an den diensthabenden Kaffee-Ausschenker, ob das Rad mit rein darf: "Sicher, bringen Sie's rein". Ich muss ein Bild des Jammers abgeben bei so viel Freundlichkeit und Anteilnahme. Er stempelt die Brevet-Karte, trägt auf meine Bitte noch die Zeit von Souboz nach, bemerkt, dass der im Gasthaus Oberbölchen die Zeit nicht eingetragen hatte, trägt auch diese nach, und erklärt mir dann, dass ich noch so und so lange Zeit hätte und jetzt erstmal Pause machen dürfte. Das war prima, ohne Uhr war mir nicht bewusst, dass ich überhaupt noch im Zeitrahmen lag. Aber ich hatte gut rausgefahren in der Gemeinschaft von Kröten, Nachtigallen und Würmern am Wegesrand.

Einen Kaffee bitte. Mit Milch und Zucker, sonst ein Unding! Und was Warmes, bitte, egal, was. Um diese frühe Zeit gibt es nix mehr. Aber der nette Diensthabende meint, er könne mir ein Käsebaguette warm machen. Prima, gerettet! Kurze Zeit später fragt er, ob ich die beiden Frikadellen, die noch in der Küche herum liegen, haben möchte. Klar! Zweiter Kaffee. Bis ich ausgezogen bin, die nassen Sachen auf dem Boden sortiert habe, dauert. Ich zittere immer noch wie Espen-Laub. Da kommt der nette Mann von eben und bringt mir wirklich einen frischen blauen Pullover! Meine Bitte, mir seine Adresse aufzuschreiben, damit ich ihm die Leihgabe zurücksenden kann, schlägt er ab. Kurz darauf ist er weg. Der Diensthabende rückt mir extra einen Barhocker für den Stehtisch an, damit ich mich setzen kann. Dritter Kaffee.

Wann bin ich so von wildfremden Menschen verwöhnt worden? Ich mache mir Gedanken, wie ich weiter komme. DIe Zeit sollte reichen, aber ich komme nicht mehr in die quacknassen Handschuhe. Haben sie hier auch Handschuhe? Jepp! Arbeitshandschuhe. Und dann noch beschichtete!!! Ich bin bereits leidenschaftlicher Verehrer von Kabelbindern, ab jetzt gehören auch beschichtete Arbeitshandschuhe zu meinen "must have". In Rot, was will Frau mehr? 

Ich habe lange gesessen, als eine weitere Teilnehmerin samt Rad rein kommt. Wir waren uns unterwegs immer mal wieder über den Weg gefahren und beschließen, ab hier gemeinsam zu fahren. Die Arbeitshandschuhe hat sie sich auch noch gekauft, und wir waren beide begeistert: warm und trocken bis zum Schluss!

Was macht eine Brevetfahrerin, wenn sie hundemüde ist und einzuschlafen droht? Sie singt laut und kündigt dies vorsichtshalber an. Na, mach' mal, ich hab ja meine Bierbrau-Geschichten und weitere Niveaulosigkeiten, das Singen überlasse ich aus gutem Grund den Nachtigallen. Wenn andere aber singen, finde ich das wunderbar. Nun hatte ich alles erwartet, wirklich, aber nicht ein laut und aus vollem Halse geschmettertes "Freude schöner Götterfunken": Zwei abgerissene Gestalten um drei Uhr morgens bei strömendem Regen und Kälte auf dem Rad von "Freude schöner Götterfunken" handgesungen sozusagen untermalt - Götterdämmerung mal anders, herrlich!

Wir haben wirklich gut Zeitreserve, nagen das bescheidene Polster aber sukzessive mit kleinsten Fehlentscheidungen ab, sind ständig irgend wie doch falsch abgebogen, nicht mehr ganz munter eben. Man kommt ja an, keine Frage, aber wenn man beim Wenden aus dem Stand dann zu guter Letzt noch auf die Schn....e fällt, weil man schlicht und ergreifend nicht aus den Klickpedalen kommt, ist das bestenfalls bedauerlich. Schlechtestenfalls haut man so dermaßen hin, dass der Aufprall des Helms einen lauten Schlag lässt, das Teil aufspringt, den Weg runter rollt und die Klickie-ungeübte Dame wirklich ganz übel so dermaßen auf das ohnehin lädierte Knie fällt, dass an Luftholen erstmal gar nicht zu denken ist. Japs!

Aufstehen, Helm einfangen und richten, weiterfahren. An der Freiburger Tankstelle beim Augustiner, Ziel des Brevets, sind wir gerade noch rechtzeitig im Zeitfenster. Der junge Mann ist sehr freundlich, aber offensichtlich nicht informiert. Bis klar war, was er wie, warum und überhaupt machen soll, verrinnen die Minuten. Das ganze durch den Bedien-Schlitz, wahrschweinlich aus Gründen der Sicherheit. Kein Wunder, wenn einen nächtens abgerissene Typen mit seltsamen gelben Karten wegen eines Stempels überfallen. Schlussendlich trägt er ein, was eingetragen werden muss, aber knapper ging's nach dieser letzten schweren behördlichen Geburt nicht!

Fazit: Ein schönes Radtürchen, wundervolle Strecken, ausreichend Höhenmeter, bestens organisiert, ein sehr brauchbares Roadbook. Aus angekündigten 308 km waren durch Verfahren über 320 km geworden. Ich hatte zu keiner Zeit schlechte Laune, habe mein Unterfangen nie angezweifelt und konnte sogar die unvorhergesehenen Widrigkeiten immer irgendwie genießen. Das ist schon mal die halbe Miete!

Was ich vergessen habe zu erwähnen: Mein wichtigstes Kleidungsstück war ein Nierengurt. Schön fest, aus Neopren, den ich bei jedem Lauf und jeder Radtour umhabe. Wer Rückenprobleme hat - vielleicht mal probieren. Und die beschichteten Arbeitshandschuhe nicht vergessen! Und wenn ich mit dem Unfug weitermachen sollte, kommt ein ordentlicher Nabendynamo her!